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Leserbriefschreiben beginnt beim Lesen.

Irgendwann ließt man etwas und denkt unterbewusst "Das stimmt so nicht" oder "Dazu hätte ich eine Lösung" oder "Das stimmt, aber ich ärgere oder freue mich viel mehr über das was da steht, als es da steht".

Wenn sie jetzt den Drang verspüren ihre abweichende oder ergänzende Meinung aufzuschreiben, sollten sie einhalten und zuerst mal die Broschüren des Gesundheitsministeriums zum Verhalten der Bürger bei Suchtgefährdung lesen.

Denn wenn sie alles aufgeschrieben haben und es auch noch an irgendeine Redaktion verschickt haben, werden sie nicht mehr zu retten sein, außer sie haben den zwanzigsten Brief geschrieben und keiner druckt einen.

Ist das so, seien sie nicht traurig. Freuen sie sich, dass sie noch mal davon gekommen sind: denn wenn einer ihrer Briefe gedruckt wurde, werden sie den Rest ihres Lebens versuchen, dieses Erfolgserlebnis zu wiederholen und werden ständig zwischen Freude und Frustration hin und her gerissen sein, was man medizinisch als manische Depression bezeichnet.

OK. Sie haben eingehalten, haben die Suchtprävention verstanden und greifen trotzdem zum Kuli. Stop.

Unterbrechen sie. Wissen sie wem sie da schreiben wollen? Den Lesern der Zeitung? Eben nicht! Denen auch, aber das ist erst mal überhaupt nicht wichtig. Ihr Brief muss in allererster Linie irgendeinem Redakteur in den Kram passen. Denn der setzt ihren Brief nur dann in die Zeitung, wenn er vom Inhalt  oder der Form ihres Briefes entweder überrascht ist, wenn ihr Brief sich also von den hundert Briefen gleichen Inhalts unterscheidet oder wenn ihr Brief seine und/oder die Politik des Blattes in besonderer Weise unterlegt.

Wenn sie auch davon überzeugt sind, schreiben sie bitte immer noch nicht. Haben sie bedacht, dass ihre Freunde, ihre Familie, ihre Kollegen, ihr Chef, sie selbst, dass alle sie dann mit einem Stück ihres Innenlebens in der Zeitung sehen? Wollen sie das herzeigen? Können sie ihre Meinung all denen gegenüber verteidigen?

Wenn auch das abgehakt ist, wappnen sie sich innerlich, dass ihr Brief, auch wenn er gedruckt sein wird, keinerlei erkennbare Folgen haben wird: in 99,9 % aller Fälle gibt es keine Reaktion und sie sind mit ihrer Meinung nach wie vor alleine. Mehr noch: jetzt ist ihr Thema Schnee von gestern.

Wenn sie jetzt immer noch Kulidruck  spüren, nehmen sie ihn und wüten sie, schmeicheln sie, kotzen sie, lästern sie, überzeugen sie.

Willkommen im Club. 

Wenn sie das 200 (50 mal, 100 mal, siehe Bedingungen) mal erfolgreich überstanden haben und ungebrochen sind, willkommen in der Bürgerredaktion. Ab da wird's leichter. Weil wir mit unserer Meinung und unseren Freuden und Nöten nicht mehr so einsam sind.

 

Michael Maresch

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