Erlebt man die Praxis, die neuen Gewohnheiten und Geschäftspraktiken der heutigen Printmedien, so kann man sich als Leser und als Leserbriefschreiber nur noch etwas "verkackeiert" vorkommen. Die Zeitungen wollen offensichtlich nur noch ferngesteuerte Leser, die dem Schema der Chefredaktion entsprechen. Dass man als Leserbriefeschreiber schnell herausfindet, was dem jeweiligen Verlag genehm zu berichten ist, ist eine altbekannte Tatsache. Dass man dem Blatt unschwer ankennt, in welch politischer Richtung es tickt oder tendiert, dazu ist ebenfalls kein Hochschulstudium erforderlich. 
Die Redaktionen versprechen sich vom neuen Geschäftsmodell noch mehr Absatz und Auflagenzahlen. Es kommt den Redakteuren jedoch nicht in den Sinn, dass Leserbriefschreiber ebenfalls eine große Anhängerschar haben, dass dadurch die Auflagenzahlen gesichert werden. Ich erlebte es in meiner Praxis und Leserbriefschreiber-Zeit hautnah, dass mich eine ganze Reihe an Lesern immer wieder ansprachen, wenn sie meinen Namen hörten. Die jeweilige Zeitung, bei mir meist die Münchner AZ, wurde in den Augen derer lobend erwähnt. Einige unseres Vereins, meiner ehemaligen Mitarbeiter, meiner Freunde und Bekannten kauften daraufhin ebenfalls die AZ.
Aber das will das heutige "Macher-Management" nicht wissen, meinen sie seien bereits allwissend. Sie wollen alle das Rad neu erfinden, obwohl andere schon längst damit fahren. Ja, der Deutsche muss erst wieder gewaltig auf die Schnauze fallen bevor er zur Besinnung kommt. Ich habe inzwischen das dumpfe Gefühl, dass die "Leserbriefseite", wenn sie denn überhaupt vorhanden ist, oder eine kleine Leserbriefecke nur noch als Alibifunktion geführt wird. Dabei wird von einigen Printmedien eine automatische Antwort generiert, dass der Leserbrief oder die Zuschrift allgemein erhalten wurde. Von verschiedenen Medien wird nach außen hin so getan, als würde man sich wirklich an der Zuschrift interessieren und es weitergeben. Natürlich wird klar ausgesagt, dass man für den Abdruck und die Länge dieses Briefes nicht garantieren könne, weil der Platz dafür zu klein ist.

Alois Sepp

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