Predigt  Jesu Scheitern in der Synagoge von Nazareth  4. Sonntag im Jahreskreis C - QR Code Friendly

Einführung vor dem Schuldbekenntnis

In den beiden Lesungen geht es heute um das mutige Auftreten von zwei Männern vor ihrem Volk. Die erste Lesung spricht von der Berufung des Propheten Jeremia. Hier heißt es: Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen. Im Evangelium hören wir von Jesus in der Synagoge in Nazareth. In beiden Fällen dreht es sich um eine Konfrontation. Jesus wird von seinen Leuten nicht verstanden, aus der Synagoge geworfen. Sie wollen ihn umbringen.

 

Lesung aus dem Propheten Jeremia

Der Prophet spricht: Zur Zeit des Königs Joschija von Juda, erging das Wort des Herrn an mich: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. Deshalb gürte dich, tritt vor sie hin und verkünde ihnen alles, was ich dir auftrage! Erschrick nicht vor ihnen, sonst setze ich dich vor ihren Augen in Schrecken! Siehe, ich selbst mache dich heute zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur bronzenen Mauer gegen das ganze Land, gegen die Könige, Beamten und Priester von Juda und gegen die Bürger des Landes. Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten - Spruch des HERRN.“

 

 

 Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas, Kap.4, 21-30

Jesus kam er nach Nazareth und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ruht auf mir;  denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er die Buchrolle. Die Augen aller waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Alle stimmten ihm zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.

 

Predigt

Warum haben die Bewohner von Nazareth Jesus aus der Synagoge und dem Dorf hinausgeworfen und ihn umbringen wollen? War es sein selbstbewusstes Auftreten, waren es seine Worte? Waren seine Worte gotteslästerlich? Er hatte gesagt, in ihm seien die Verheißungen des Jesaia erfüllt. Kann man nicht verstehen, dass sie Jesus – ihren Dorfgenossen – für ziemlich anmaßend hielten? Sie wussten doch, dass er nur aus dem vermutlich kleinen Haus von Josef und Maria kam?

Wir aus 2000 Jahren Entfernung halten die Bewohner von Nazareth vielleicht für böse oder dumm. Hätten wir es besser gemacht?

Ich glaube, die ganze Szene in der Synagoge von Nazareth zeigt ein wenig, dass das Auftreten und Leben Jesu eine dramatische Herausforderung war. Und Er ist immer noch eine Provokation. Jesus ist eine geistig-seelische Herausforderung – gerade auch, wenn wir ihn ernst nehmen wollen. Es war keine leichte Kost, die die damaligen Menschen zu verdauen hatten.

Die Zeitgenossen Jesu kannten noch keinen gekreuzigten Heiland, der die Schuld der Welt auf sich nahm. Sie erlebten einen heraus-fordernden jungen Mann. Er stellte direkt oder indirekt viele Fragen an seine Zeitgenossen.

Erinnern wir uns: Zunächst war er aufgetreten mit dem Ruf: Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe. Dann zeigte er auch seine Autorität, indem er sehr souverän das Gesetz des Moses und den Willen Gottes interpretierte. Er war überzeugend. Die Leute liefen ihm nach. Und er hatte die Gabe der Heilung. Es heißt ausdrücklich: Eine Kraft ging von ihm aus und heilte alle. Wegen seiner Reden und seiner Heilkraft liefen ziemlich viele Menschenmassen aus Galiläa hinter ihm her. Er sagt auch eigens, er sei nicht gekommen, die Weisen und Gelehrten zu berufen, sondern die Einfachen, die Armen und Kranken. Schließlich wurden auch die gebildeten Autoritäten in Jerusalem auf ihn aufmerksam. Einige kamen zu ihm, um ihn kritisch zu beäugen und zu befragen. Das waren zwei Gruppen: Die pingeligen Pharisäer, die das Gesetz des Moses ganz genau nahmen. Und die politisch denkenden Sadduzäer. Sie fürchteten, dass Jesus eine Aufstandsbewegung gegen die Römer ausgelöst. Beiden Seiten war bald klar: Jesus muss beseitigt werden. Aber es gab auch wenige intelligente und offene Denker unter den Gebildeten. Ich habe zwei besondere Freunde: Nikodemus und Gamaliel. Nikodemus hatte Jesus lange aus der Ferne beobachtet, kam dann einmal nachts zu einem langen Gespräch zu ihm und ging wohl tief beeindruckt zurück. Und Gamaliel kennen wir schon: Er war der Überzeugung: Wenn die Sache dieses Jesus von Gott ist, kann und darf man sie nicht bekämpfen. Wenn sie von Menschen ist, läuft sie sich von alleine tot.

Wir heute haben es vielleicht leichter mit dem Glauben an Jesus Christus als die Bewohner von Nazareth. Für sie war Jesus ein junger Provokateur. Wir aber wissen, dass er todesmutig seinen Weg zu Ende gegangen ist. Wir kennen Jesus am Kreuz. Wir kennen seine Treue. Wir kennen seine Verweise auf den Willen des Vaters, wir kennen seinen Kampf um Gerechtigkeit und für das Reich Gottes. Wir kennen seine Zuwendung zu den Sündern und seine Zuwendung zu den Armen. Wir kennen seine Kritik an den Scheinheiligen. Wir kennen seine Traurigkeit bei der Gerichtsverhandlung, als niemand rief: Er ist unschuldig. Wir kennen seine Verzweiflung am Ölberg. Er rang um den Gehorsam gegenüber dem Willen den Vater. Und als er Trost bei seinen Freunden suchte, fand er sie schlafend. Er merkte, dass sie ihn kaum verstanden hatten. Er sah vom Kreuz aus die wenigen, die bei ihm geblieben waren. Und wir haben von den Zeugen gehört, dass Jesus sich nach seiner schrecklichen Kreuzigung wieder lebendig gezeigt hat. Sie konnten es nicht glauben. Er hat um ihre Zustimmung gekämpft. Nur langsam gingen ihnen die Augen auf. Und es waren nicht einfach nur physische Augen, sondern Augen der Seele. Sie haben Jesu Gehorsam gegen den Willen des Vaters erkannt. Der Vater wollte das Opfer Jesu, um die Menschen zu retten. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab. So hat es der Evangelist Johannes ausgesprochen. Das ist die Botschaft des Evangeliums. Das ist es, was wir glauben dürfen. Dahin wollte Jesus auch die Menschen von Nazareth führen. Er ist es, durch den das Heil kommt, das Jesaia verkündet hat.

Also stellen wir uns die Situation der Zeitgenossen Jesu nicht leichter vor als sie war. Für sie war Jesus – wenn es gut lief – eine Person, mit der man sich auseinandersetzen musste. Das ist er auch für uns. Glauben heißt nicht nur für wahr halten, sondern sein Herz öffnen und Jesus hereinlassen. Glauben heißt daher vorher: Ringen mit Jesus und seinen Worten und seinem Anspruch. Vorausgehen müssen das genaue Hinschauen und Hinhören. Der heilige Ignatius sagt: Wir sollen Riechen und Schmecken. Viele Texte aus dem neuen Testament habe wir oft gehört, und sie gehen vielleicht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Wir sollten manche Texte lange anhören, auf sie lauschen, mit ihrem Inhalt ringen und eben mit Jesus ringen.

Das Dümmste ist, wenn wir mit der Masse mitlaufen. Damals sind viele nur mitgelaufen, weil Jesus interessant war und heilte. Auch heute ist es in vielen Bereichen oft so. Dumm ist es, wenn wir das denken und sagen, was alle denken und sagen. Einfach aus der Synagoge weggehen, die Türe hinter sich zuschlagen, weil die Gemeinschaft der Jesusfreunde nicht überzeugend ist, ist wohl auch keine Lösung. Jesus verdient mehr.

Nicht nur Nikodemus und Gamaliel waren gebildete Herren, die sich von der Masse abgesetzt haben. Vermutlich war es auch die Mutter Jesu, die Gottesmutter Maria. Sie hat ihren Sohn auch oft nicht verstanden, hat sich über ihn gewundert, hatte große Angst um ihn, hat gezittert und geweint. Aber sie ist mitgegangen. Das Leben mit Jesus ist kein Spaziergang. Es ist auch nicht nur ein Kreuzweg. Aber es ist ein Abendteuer. Bleiben wir ihm auf den Füßen. Amen

 

Fürbitten

Herr Jesus Christus, wir bitten dich für alle Menschen, denen Kirchenverantwortliche Leid und Unrecht angetan haben. Heile Du ihre Wunden und schenke den Tätern die Gnade der Umkehr und Busse. Christus höre uns

Herr Jesus Christus, wir bitten dich heute für alle, die in den Medien arbeiten. Gib ihnen deinen heiligen Geist, damit sie sich ihrer Verantwortung bewusst sind, damit sie der korrekten Information dienen und Tatsachen nicht einseitig darstellen. Christus höre uns.

Herr Jesus Christus, wir bitten dich um Frieden für die Ukraine. Gib allen politisch Verantwortlichen Deinen heiligen Geist. Gib ihnen die Gnade, auf das Schicksal der Menschen zu schauen und nicht auf ihre eigene Karriere und ihr Ansehen.  Christus höre uns

Herr Jesus Christus, wir bitten dich für alle Menschen, die in diesem Augenblick einsam, verlassen und traurig sind. Schenke ihnen Zeichen der Liebe und Zuwendung. Und schenke ihnen deinen Trost. Christus höre uns


P. Eberhard Gemmingen SJ

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Pater Eberhard v. Gemmingen SJ
Autor: Pater Eberhard v. Gemmingen SJ

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