Predigt  Der reiche Fischfang – 5. Sonntag im Jahreskreis C - QR Code Friendly

Auch wenn es naheliegend scheint, heute über das derzeitige Drama der Kirche in Deutschland zu sprechen, so vermeide ich es doch. Wir feiern Gottesdienst und gehen nicht fremden Sündern nach, sondern denken an die eigenen Grenzen. Aber vielleicht lesen Sie in der Predigt nachher zarte und bewusste Andeutungen zur Lösung der Kirchenprobleme. Es geht uns vielmehr um die Auseinandersetzung mit Jesus Christus.

 

In der ersten Lesung hören wir heute von der grundlegenden Botschaft des Evangeliums über Tod und Auferstehung Jesu. Das ist die Verkündigung der aller Apostel. Im Evangelium geht es um den überreichen Fischfang am See Genezareth, das Erschrecken des Petrus und seine Aussendung zur Verkündigung der Botschaft Jesu.

 

 

 

Aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, Kap. 15, 3-8 und 11

 

Vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe:

Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift und ist begraben worden.  Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt. Denn ich bin der Geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht - nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir. Ob nun ich verkünde oder die anderen: Das ist unsere Botschaft und das ist der Glaube, den ihr angenommen habt.

 

 

Aus dem Heiligen Evangelium nach Lukas, Kap. 5, 1 – 11

 

Als Jesus am See Genezareth stand, drängte sich das Volk um ihn und das Wort Gottes hören wollte, da stand er am See Gennesaret und sah zwei Boote am See liegen. Die Fischer waren aus ihnen ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Jesus stieg in eines der Boote, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus. Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen. Das taten sie und sie fingen eine große Menge Fische; ihre Netze aber drohten zu reißen. Und sie gaben ihren Gefährten im anderen Boot ein Zeichen, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und füllten beide Boote, sodass sie fast versanken. Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr! Denn Schrecken hatte ihn und alle seine Begleiter ergriffen über den Fang der Fische, den sie gemacht hatten; ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie zogen die Boote an Land, verließen alles und folgten ihm nach.

 

Predigt

Wir haben eben vom überraschenden reichen Fischfang gehört. Es stellt sich sofort eine Frage: Warum fällt Petrus Jesus nicht um den Hals und dankt ihm, sondern fällt vor ihm nieder uns sagt: Geh weg von mir, ich bin ein Sünder? Warum diese Reaktion des Petrus? Und was will uns diese Szene sagen?

Wichtig scheint mir in dieser Szene das Wort „Erschrecken“. Es hieß: Petrus und alle Jünger waren erschrocken über den Fang, den sie gemacht hatten. Ich glaube, dass das Wort Erschrecken uns weiterführt.

Ich sage es mal mit wenigen Worten: Die Begegnung des Menschen mit Gott und mit Zeichen Gottes ist immer ein Erschrecken. Gott und Mensch sind nicht auf der gleichen Ebene. Wenn der Mensch mit Göttlichem zu tun hat oder meint, mit Göttlichem in Berührung zu kommen, dann muss er erschrecken. So sehr wir auch von der Zuwendung Gottes zu den Menschen oder von der Sehnsucht des Menschen nach Gott sprechen, es bleibt doch ein Abgrund zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Die Szene von dem reichen Fischfang kann uns vielleicht sagen: Meine bitte nicht, dass Du Gott je verstehen kannst! Meine nicht, dass Du Gott so erfahren kannst wie du Menschen erfährst! Es ist immer etwas ganz Anderes.

In der Vorbereitung auf diese Predigt ist mir ein berühmtes Wort von Karl Rahner eingefallen. Er schrieb schon vor 50 Jahren: "Der Christ der Zukunft ist ein Mystiker, er ist einer, der Gott erfahren hat." Was meint dieser Satz? Ich denke, er will zum Ausdruck bringen: Der Glaubende der Zukunft wird seinen Glauben nicht von den Eltern lernen, von den Religionslehrern, sondern durch den Blick auf viele Mysterien, die ihm in seinem Leben begegnen. Er wird das Mysterium des eigenen Lebens entdecken, die Mysterien der Welt. Nur wenn der Mensch einen Blick auf das Erstaunliche hat, kann er Gott entdecken. Er wird vielleicht plötzlich vor der Frage stehen: Warum gibt es mich eigentlich, warum bin ich? Bin ich ein Zufallsprodukt oder hat mein Leben einen Sinn, einen Auftrag, ein Ziel. Wer hat mich geschickt, gemacht? Warum bin ich da? Der Fromme oder der Christ wird ein Mensch sein müssen, der staunt, der nichts als selbstverständlich annimmt, sondern der die Augen aufreißt und sich fragt: Woher kommt das Wunder, dass ich bin. Der reiche Fischfang ist ein Bild für das Staunen. Petrus, der Fischerprofi kommt außer sich vor Staunen über den Fischfang, den er nicht für möglich hielt. Und weil er vor Staunen gar nicht mehr weiß, woher und wohin, kommt es aus seinem Mund: Geh weg von mir, ich bin ein Sünder. Petrus bemerkt seine Kleinheit, seine Dummheit, seine Begrenztheit, seine Fehler. Das ist Mystik. Es ist das Erschrecken über das eigene Sein angesichts des Mysteriums des Daseins und der Welt. Und Jesus ist die Personifikation dieses Mysterium.

Und dann kommt der zweite Teil des heutigen Textes. Weil Petrus so in seinen Grundfesten erschüttert worden ist, wird er ausgesandt, selbst Menschenfischer zu sein. Er hat jetzt die Voraussetzung dazu. Und es geschieht das Wunder des christlichen Fischfanges. Denn dass aus dem kleinen Petrus und seinen harmlosen Fischerkollegen eine Weltreligion wurde, ist nun wirklich ein Wunder. Und damit sind wir auch bei den aufregenden Dingen dieser Tage. Die Zeitungen schreiben: Es ist aus und vorbei mit der Kirche. Sie hat keine Zukunft mehr – und sie meinen damit die katholische Kirche in Deutschland. Arme Zeitungen. Sie haben keine Ahnung von Mysterien, von Wundern. Ich möchte auf eine besondere Wunderbewegung vor rund 100 Jahren hinweisen. Denn damals gab es zunächst auch einen kirchlichen Zusammenbruch. Nach dem ersten Weltkrieg gab es keine Könige mehr, keine Kirchenfürsten. Bismarck und Karl Marx schienen die Macht zu übernehmen. Doch der heilige Geist landete gerade dann bei einigen scharf denkenden Menschen, die offen waren für das Mysterium Gottes.

Per Zufall - falls es überhaupt Zufall gibt - fand ich vor wenigen Tagen eine Aufzahlung von hoch gebildeten Persönlichkeiten, die genau in dieser Krisenzeit nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung Jesus Christus in der katholischen Kirche entdeckten.

Ich beginne mit der jüdische Professorin Edith Stein. Als sie Jesus Christus entdeckte, konnte sie nicht anders als sich ihm zu Füßen werfen und ihm ihr Leben zu schenken. Christus ging über alles Geistige hinaus, was sie gelernt hatte. Dann war es der britische Kriminal-Schriftsteller Chesterton. Er fand bei aller seiner Cleverness im Jahr 1922 in der katholischen Kirche den aufregendsten Fall. Er konvertierte zur katholischen Kirche. Gleich ging es der norwegischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Sigrid Undset im Jahr 1924, ebenso in den dreißiger Jahren der deutschen Bildhauerin und Lyrikerin Ruth Schaumann und im Jahr 1926 der Schriftstellerin Gertrud von Lefort. Schon hundert Jahre früher fanden zwei hoch gebildete Männer zu Jesus Christus in der katholischen Kirche. Der berühmteste ist der anglikanischen Startheologe John-Henry Newman, der nach langem Ringen katholisch wurde. Etwas zur gleichen Zeit war es der französische Rechtsanwalt jüdischen Glaubens, Alfons Ratisbonne. Auf einen Schlag wusste er einen Tag nach einem Streitgespräch mit einem Christen in Rom: Ich muss Christ und Katholik werden. Er ließ sich sofort taufen.

Noch einen ganz modernen Mann möchte ich nennen: Den weltbekannte kanadische Medienwissenschaftler Marshal Mc Luhan. Er rang zwei Jahre lang bis 1935 mit dem Glauben an Jesus Christus. Am Ende des Ringens ließ er sich taufen. Er ist der Schöpfer der verbreiteten These: Nicht Menschen machen Medien, sondern die Medien machen den Menschen.

Ich will hier nicht von einem Triumphzug sprechen. Ich will nur darauf hinweisen: Es gibt keinen Grund, die Hoffnung auf die katholische Kirche aufzugeben. Freilich geht es nicht einfach mit Religionsunterricht in der Schule. Christlicher Glaube hat mit dem Staunen und dem Denken zu tun. Demokratische Abstimmungen über das Kirchenleben haben nur eine relative Bedeutung. Es käme darauf an, dass viele Christen schweigen und hören, was der Geist ihnen sagt. Und es käme darauf an, die reichen Fischfänge staunend zu sehen. Und es gibt reiche Fischfänge: Im letzten Jahrhundert wurden z.B. in Vietnam 50.000 Christen wegen ihres Glaubens hingerichtet. Insgesamt über die letzten 300 Jahre gab es 130.000 vietnamesische Märtyrer, die für ihren Glauben starben.

Wir sind in Deutschland in Gefahr zu meinen, das Kirchenleben müsse nur richtig organisiert werden, dann gehe es schon gut weiter. Menschengerechte Organisation spielte zu allen Zeiten auch eine Rolle, aber der Glaube lebt von der Begegnung mit Christus, von dem Erschrecken vor den Wundern Christi. Der Fischfang kann groß sein, wenn das Staunen und Erschrecken der Christen vor Christus groß ist. Nur die Begegnung mit dem Herrn öffnet uns die Augen. Amen

 

 

P. Eberhard Gemmingen SJ

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Pater Eberhard v. Gemmingen SJ
Autor: Pater Eberhard v. Gemmingen SJ

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