Sehr geehrte Journalistinnen und Journalisten,

Sie sind systemrelevant – wenn Sie in der Pandemie für die Bürger mehr tun als objektiv und neutral zu berichten, um Bürger und Politiker vor Ort näher zusammen zu bringen. Es geht um unsere Zukunft.

Die corona-müden Bürger begrüßen es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wenn Sie sich mit heißem Herzen gegen „Business as usual“ in der Kommunalpolitik einsetzen. Der Spirit von Rostock ist mehr als erlaubt, er ist bitter notwendig.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Wir, die deutsche Gesellschaft, bescheinigen uns gegenseitig Versagen in fast allen Punkten, die die Pandemie betrifft. Besonders heftig wird auf die Bundes- und die Landespolitik eingeschlagen. Auch Sie finden regelmäßig dort ein Haar in der Suppe.

Sie neigen zu Ferndiagnosen statt einmal zu hinterfragen, was denn vor Ihrer Haustür schief geht.

Meine Wahrnehmung als Zeitungsleser

Die Politik, die unmittelbar vor Ihren Augen stattfindet, sehen Sie gern als Opfer der übergeordneten Politik. Noch seltsamer erscheint mir Ihr Blick auf die Bürger, die Sie regelmäßig auffordern alle möglichen, oft kaum nachvollziehbare, Regeln und Vorschriften einzuhalten. Die Verantwortung der Bürger ist in Ihren Augen riesengroß, die der kommunalen Politiker und der Verwaltung eher gering und anscheinend kaum erwähnenswert.

Welches Staatsverständnis haben Sie? Glauben Sie, dass alles von oben entschieden werden muss?

Wie lange wollen Sie/wir auf Entscheidungen von oben warten? Vor Ort sterben die Menschen und vor Ort müssen sie gerettet werden.

Gern erklären Sie im Schulterschluss mit der Verwaltung vor Ort, dass ja alles ganz ordentlich läuft oder laufen würde, wenn da nicht die Bürger wären, die alles Mögliche falsch machten.

Sie legen Maßstäbe an Bürger an, so als wären diese Ihnen fremde Menschen, die sich erheblich von Ihnen, in ihrem Verhalten und Denken unterscheiden. Die Bürger erscheinen in Ihren Kolumnen manchmal eher als unmündige und verantwortungslose Geschöpfe, für die Sie erziehungsberechtigt sind.

Das Blatt wendet sich

Nach einer langen Zeit der Kommentare mit erhobenem Zeigefinger lassen Sie nun glücklicherweise auch mal Menschen zu Wort kommen, die offensichtlich etwas mehr vom Menschen verstehen.

https://digitalezeitung-mannheimer-morgen.morgenweb.de/ePaper2/archive/20210311_mm-mitte_002.pdf

Und Sie machen sich Gedanken darüber, warum der Bruch der Regeln um sich greift. Und nun lassen Sie Psychologen zu Wort kommen, so als wäre es Ihnen bisher nicht möglich gewesen, die eigenen Schwächen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ist es so unangenehm, sich mal selbst statt anderen den Spiegel vorzuhalten?

Der Mensch und seine Grenzen – ein kleiner philosophischer Ausflug

Ihr Kollege Hélio Schwartsman, Kolumnist der Folha de Sao Paulo, Brasilien, fragt warum der Mensch sich so schlecht auf krankmachende Mikroorganismen einstellen kann. Er meint: Wir glauben sie mit unserem Intellekt zu verstehen, jedoch haben wir es nicht leicht mit unserer emotionalen Ausstattung, die deutlich effizientere Motivatoren - wie z.B. Ekel - als die Vernunft für unsere Gesundheit schützendes Verhalten bereitstellen kann, z.B. wenn es um ekelhaften Geruch oder schlechtes Fleisch geht.

Unser Bedürfnis nach sozialer Interaktion macht uns zudem verletzlich durch das Virus. Doch das Problem muss noch tiefer liegen. Ein Beweis dafür sei, dass Mediziner, mehr als jemand anders um die Bedeutung des Händewaschens wissen und dennoch bei dieser Aufgabe versagen. Gemäß einer Studie finde die Hygiene der Hände unter Professionellen bei kaum mehr 50%, selbst in Ausbildungskrankenhäusern der Ersten Welt, die nötige Beachtung.

Bevor wir zur Psychologie kommen noch etwas Sozialpsychologie

Ich habe in dem früheren Artikel „Corona – Wie die Bundeswehr den Drachen besiegt“ das folgende geschrieben:

Anstelle von moralischen Überforderungen sollte die Reaktanztheorie aus der Sozialpsychologie bei der Planung von Einschränkungen berücksichtigt werden.
Die besagt, dass Menschen es als unangenehm empfinden, wenn ihre Freiheit zu handeln oder zu denken bedroht wird. Dies erzeugt einen aversiven Zustand der Reaktanz, der dadurch reduziert wird, dass man erst recht das verbotene Verhalten zeigt. Oder mit meinen Worten: Wer den Menschen nicht kennt, erreicht das Gegenteil des Erwünschten.

Also bitte schön, nehmen Sie zur Kenntnis, dass Appelle an die Vernunft nur begrenzte Wirkung haben und finden Sie eine neue Strategie um die Menschen mitzunehmen.

Wenn Sie solche Aspekte bisher nicht gesehen haben, dann sollten Sie sich fragen, was in Ihrer Ausbildung schief gegangen ist.

Nun gut, es freut mich, dass nun Sozialpsychologen über intrinsische und extrinsische Motivation in Ihren Blättern aufklären dürfen, nachdem Sie wohl bemerkt haben, dass Appelle nicht mehr fruchten.

Der fällige Paradigmenwechsel

Ihre neue Aufgabe ist es m. E. kritisch zu fragen, wie die Menschen von Regeln überzeugt werden können und was auf kommunaler Ebene getan werden muss, damit Bürger und Politiker besser zusammenwirken.

Auch wenn es zur Zeit besser wäre sich etwas mehr mit zukünftigen bzw. unmittelbar anstehenden Aufgaben und Herausforderungen zu befassen, dürfen Sie sich durchaus noch einmal fragen, warum Sie so wenig auf die Mängel und das unzureichende Engagement der Kommunalpolitik geachtet haben.

Sicherlich ist es nicht nur der Marburger Sozialpsychologe, der das Narrativ von der alleinigen Verantwortung des Individuums für eine schräge Betrachtung hält. Er sagt: „Der Vorwurf lautet: Wenn es nicht besser wird, haben wir uns nicht genügend zusammengerissen.“ Womit sich der Staat aus der Verantwortung ziehe. Jetzt ersetzen sie bitte einfach den Staat durch die Kommunalpolitik und Ihre Presse.

Nochmal, Sie sind systemrelevant – Sie können erheblich besser dazu beitragen, dass in den Kommunen das geschieht was geschehen muss.

Wir sehen inzwischen fast alle – d.h. mindestens diejenigen, die die Wissenschaft ernsthaft in ihre Überlegungen einbeziehen – die dritte Welle auf uns zu rollen. Wir sehen alle, dass wir in der 2. Welle versagt haben. Wir sehen, dass Lockdowns – in vielen Ländern - keine nachhaltige Lösung sind und dass wir alle Instrumente, die wir haben, schärfen müssen.

Und wir sehen, dass wir neue Instrumente brauchen, keine unbedingt einheitlichen, eher vielfältige, die auf vielfältige Weise wirken.

Wieso sehen Sie es nicht als Ihre Aufgabe in dieser außergewöhnlich bedrohlichen Situation kritische Fragen zu dem zu stellen, was nicht geschieht? Mangelt es Ihnen an Phantasie oder sehen sie weiterhin nur die Aufgabe in Details von Regeln und Einschränkungen herum zu stochern?

Sie beschreiben doch oft die schlechte, schwerfällige Organisation des Förderalen Staates, die Zerrissenheit und die Egoismen der Bundesländer. Wäre daraus nicht der Schluss zu ziehen, dass

unmittelbar vor Ort das erkennbar Nötige geschehen muss? Im Zweifel mehr Improvisation als Mehrebenen-Organisation?

Oder wollen Sie die deutsche Grundhaltung teilen, wie sie im jüngsten Spiegel formuliert wurde:

„Dieses reiche Land hat schon länger keine Ziele mehr über den Tag und den eigenen Gartenzaun hinaus, keinen Ehrgeiz außer jenem, den erreichten Wohlstand, das Rentenniveau und auch alle sonstigen Privilegien zu erhalten. Man unternimmt lieber nichts, sondern wartet ab. (Anmerkung: Wie jetzt Nordrhein-Westfalen in der Pandemie). Man geht nicht voran, sondern schleicht hinterher.

Man kann das für vernünftig halten, nachhaltig ist es auf Dauer nicht.“

Sie sind Teil dieser Gesellschaft und damit für alle Misserfolge und Erfolge mitverantwortlich.

Ihre Expertise in der Kommunikation wird gebraucht

In den Redaktionen sitzen sehr viele junge Menschen, die mir allerdings – Entschuldigung -manchmal älter als die alten vorkommen. Ich würde mir da ein wenig den Geist der 68er wünschen.

Wir brauchen Sie für die Erneuerung und für den Kampf gegen ein Virus vor Ort, dessen Mutanten, wie sich in Brasilien zeigt, nicht einmal mehr von Impfungen beeindrucken lassen.

Carolin Emke forderte am 12.02.21 in der Süddeutschen Zeitung dazu auf, das Unvorstellbare zu denken und zu bedenken wie unverzichtbar katastrophisches Denken für das Überleben ist, so als hätte sie das grausame Geschehen in Brasilien vorhergesehen.

Müssen wir uns nicht auf die Katastrophe in der Katastrophe vorbereiten – damit sie nicht passiert?

Wenn die Impfung mehr oder weniger versagt, oder längere Zeit benötigt wird bis sie die Mutanten im Visier hat, dann müssen die anderen Säulen in der Virusabwehr umso stärker werden. Wie schon gesagt, die Kontaktbeschränkungen stoßen an ihre Grenzen, dann bleibt das Testen und die Nachverfolgung. Beides ist schon unstrittig, was nicht heißt, dass die Politiker vor Ort begriffen haben wo und wie diese Instrumente optimiert werden können.

Anstatt in das Gejammer über den Föderalismus einzustimmen und über all das was von oben kommen müsste fordere ich Sie auf die Fragen zu stellen, die echte Impulse für fortschrittliches Handeln vor Ort sein können.

Es wird landauf -landab beklagt, dass nach einem Jahr Corona noch immer zu wenig Erkenntnisse darüber vorliegen, wie und wo das Virus bekämpft werden muss.

Wieso fragen Sie nicht das Gesundheitsamt vor Ort? Wieso nicht die Politiker?

Fragen können Sie ja auch einmal bei einem Brainstorming in Ihrer Redaktion auflisten.

Warum analysieren Sie nicht Erfolge und Misserfolge auf lokaler Ebene, warum stellen Sie so wenig Vergleiche zwischen Kommunen mit guten Werten und solchen mit schlechten an?

Wieso zeigen Sie nicht die Best Practice anderer Kommunen auf?

Es gibt einfach zu wenige kritische Artikel zu Schwachstellen in den Kommunen. Und es gibt sicherlich auch zu wenig über positive Beispiele und Erfahrungen.

Würden Sie damit nicht den Bürgern helfen zu verstehen wo es notwendig ist der Politik und dem Gesundheitsamt unter die Arme zu greifen?

Und könnten Sie damit nicht der Politik vor Ort helfen zu erkennen, wo sie mehr tun muss, pragmatischer und schneller handeln muss?

Fragen Sie ab und zu auch mal die Bürger zu was sie bereit sind damit der Worst-Case vermieden werden kann. Bürger wollen, wie viele Menschen jeden Tag mit unzähligen freiwilligen und ehrenamtlichen Leistungen zeigen, mehr tun als nur Kontakte vermeiden. Sie wollen die Pandemie überleben und durchaus aktiv mitwirken, damit ihre Chancen dafür steigen.

Wenn Sie das tun, helfen Sie allen. Schaffen Sie eine Win-Win-Situation für alle Bürger, Politiker, Bürgermeister, Landräte und die Kräfte in der Verwaltung, die sich tagtäglich für uns alle – leider oft nicht besonders erfolgreich – und dennoch oft kräftig ins Zeug legen.

Und damit komme ich zur Frage in der Überschrift:

Warum irrt Dieter Nuhr?

Er fragt uns, die Bürger, warum wir Frau Merkel für den Schimmel hinter unserem Duschvorhang verantwortlich machen.

Ist es nicht vielmehr so, dass vorwiegend Sie im Schulterschluss mit Kommunalpolitikern diese Frage allzu oft gestellt haben?

Vielen Dank dafür, dass Sie mich, den Bürger X, versuchen zu verstehen.

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Corona – Wunderwaffe Test?

 

Ich habe einen Traum. Ich möchte am 1. April im Biergarten bei Sonnenschein ein Weizenbier serviert bekommen. Und ich glaube und hoffe, dass mir da Weintrinker und selbst Freunde von spritzigem Mineralwasser ohne weiteres zustimmen.

 

Es gibt viele und gute Konzepte

Frau Brinkmann, Virologin und Herr Fuest, Volkswirtschaftler, wollen mir bei der Realisierung dieses Traumes mit ihrer No-Covid-Strategie helfen. Auch das RKI hat bereits einen Plan für mögliche Öffnungsschritte ausgearbeitet. Und nun hat die regionale Wirtschaft in meiner Metropolregion nicht nur eine Perspektive gefordert, sondern sich auch erstmalig Gedanken darüber gemacht, was alles von Seiten der verantwortlichen Akteure geschehen muss, damit mein Ziel erreicht werden kann. Nicht zu vergessen die bereits früher genannten Anregungen und Appelle von Stern und Spiegel endlich in die Gänge zu kommen. Und es werden tatsächlich zunehmend in mehr Kommunen eigenständig Maßnahmen ergriffen, die nicht, was in Zeitungskommentaren hervorgehoben wird, auf dem bürokratischen und juristisch einwandfreien Dienstweg mit der nächsthöheren Instanz abgestimmt werden.

 

All diese Konzepte oder Ansätze von Konzepten geben der Bundes-, der Landes- und der Kommunalpolitik genügend Material um daraus eine erfolgversprechende und sichere Strategie zu formen. Ich bin schon dankbar dafür, dass die Kommune nun den Blick von der Vorschrift abwendet und nach mir schaut.

 

Noch nie gab es so viele Vorschläge, die, und das dürfte noch etwas wichtiger sein, die gravierenden Risiken, gespiegelt in Modellrechnungen zum dramatischen Anstieg der Mutanten, ernsthaft berücksichtigen.

 

Bedenkenträger auf dem Rückzug

Dauer-Bedenkenträger und Schwarzseher vom Schlage eines Herrn Lauterbach geraten damit zu Recht in die Defensive. Warnungen allein, ohne substantiellen Vorschläge zur Minimierung der Risiken von Öffnungsschritten, haben keine Konjunktur mehr und sollten ein für alle Mal – auch in Talk-Shows - der Vergangenheit angehören. Eine große Zahl von Bürgerinnen hat allerdings noch nicht das Vertrauen, dass die deutsche Politik aktuell in der Lage ist, die Pandemie in den Griff zu bekommen, ohne uns einen Dauer-Lockdown aufzubürden.

 

Und das ist auch kein Wunder. Im Parlament ereifern sich die Parteien über das Thema Tests, Schnelltest und Selbsttests als wären das die Wunderwaffen, die, wenn sie verfügbar wären, uns von der dritten Welle bewahrten.

 

Die Kanzlerin jongliert mit zu wenig Bällen

Die Kanzlerin ist skeptisch und meint es fehle die nötige Klarheit darüber, ob mit einem vermehrten Testen wirklich der Anstieg der Infektionen gestoppt werden könne. Zwischen Öffnungsschritten müsse daher immer eine Zeit liegen, in der überprüft werde, ob man weiter die Kontrolle über das Infektionsgeschehen behalte.

 

So richtig das ist, so richtig ist aber auch, dass die Kanzlerin immer nur 3 Bälle versucht in der Luft zu halten. Dazu gehören Impfungen, Kontaktbeschränkungen und nun Tests.

All die oben genannten Akteure haben in ihren Konzepten mindestens vier Bälle, die der Komplexität der notwendigen politischen Kraftanstrengung eher gerecht werden.

 

Hat die Kanzlerin ihre Fähigkeit gut zuzuhören verloren?

Nun, sie hat ja noch bis Mittwoch kommende Woche Zeit über die Vorschläge aus der Gesellschaft und der Wissenschaftler, die sich glücklicherweise nun wissenschaftsübergreifend, vertreten durch den Volkswirtschaftler vom Ifo-Institut Fuest und der Virologin Brinkmann, zusammentun um die Bälle in die öffentliche Luft zu werfen.

 

Der vierte Ball

Keines dieser vorgeschlagenen Konzepte, die schon deutlich über Ideen hinausgehen, verzichtet auf den vierten Ball - auf die besondere Bedeutung der Nachverfolgung.

Stellvertretend für alle sagt Michael Meyer-Hermann, Physiker und Leiter der Abteilung System- Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig (lt. Stern): Ein funktionierender öffentlicher Gesundheitsdienst kann Infektionsketten schnell und zuverlässig unterbrechen. Es gibt eine englische Studie, die zeigt, dass man allein mit Testen, Nachverfolgen und Isolieren die Reproduktionszahl halbieren kann. Investierte der Staatsapparat alle seine Kraft in die Kontaktverfolgung, würden sich weniger Menschen anstecken, müssten weniger sterben, wären mehr Freiheiten möglich.

 

Tests mit positiver Wirkung

Die Wirkung von Tests dürfte besonders dort positiv sein, wo Menschen für andere da sind, in Pflegeheimen, Krankenhäusern und ambulanten Diensten, Kinder und Jugendliche betreuen, in Schulen, Sportvereinen, in Veranstaltungen, im Handel etc.

Also überall dort, wo der Test unmittelbar sicherstellen soll, dass Infizierte nicht eine größere Zahl von Menschen anstecken und der Test unmittelbar durch Dritte wahrgenommen wird.

Beispielsweise startete Unternehmer Achim Wiehler  "Test in Freiburg" für Erzieherinnen in Kitas. "Wir wollten vor allem erreichen, dass die Stadt endlich aktiv wird."

Kurz nachdem die Lokalpresse über die private Test-Initiative berichtete, kündigte das Freiburger Rathaus ein eigenes Testprogramm für das Kita-Personal an.

"Das hätten sie schon im Herbst haben können", sagt Achim Wiehler. Im Oktober sprach er mit dem Freiburger Oberbürgermeister und schlug vor, Schnelltests für Schulen und Kitas in großen Mengen zu besorgen. "Danach habe ich nie mehr etwas von ihm gehört." (lt. Stern)

 

Was machen Querdenker und Leichtsinnige mit Selbsttests?

Selbsttests dagegen bergen Risiken, die allerdings eher weniger mit der Messungenauigkeit oder fehlerhafter Anwendung, wie von Lauterbach befürchtet wird, zu tun haben.

Wer glaubt, dass 100 % der Bevölkerung sich so verhalten, wie es eine Mehrheit wünscht, hat offensichtlich Querdenker und andere Spinner nicht auf dem Schirm, für die Corona nicht existiert und die sich weder an geltende Hygieneregeln noch an Empfehlungen von Virologen halten werden.

 

Selbsttest ist keine Wunderwaffe

Hoffentlich nimmt niemand angesichts der - verwirrenden - Diskussion um Tests an, dass Schnelltests und Selbsttests in Kürze in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Selbst wer glaubt, dass solch ein Wunder geschieht, sollte nicht so naiv sein, zu glauben, dass damit die dritte Welle vermieden werden kann. Bayern praktiziert schon seit Mitte letzten Jahres eine mehr oder weniger gut funktionierenden Teststrategie für Alle.

Im Vergleich mit den anderen Bundesländern wurden keine vorzeigbaren Erfolge bei der Inzidenz und den Todeszahlen erzielt.

 

Das Robert Koch-Institut hat vor einer Überschätzung von Selbsttests in der Pandemie-Bekämpfung gewarnt. „Selbsttests sind keine Wunderwaffe“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Die Erwartung, dass man sich für bestimmte Situationen „freitesten“ könne, sei nicht hundertprozentig zu erfüllen.

 

 

Öffnungsstrategie und Teststrategie gehören zusammen

Werden die Pro und Contras zu den Tests gut abgewogen und in einer klugen Öffnungsstrategie berücksichtigt, dann können sie in Verbindung mit den anderen Bällen nicht nur die dritte Welle brechen. Wenn die Politik schnell und konsequent handelt, dann kann die Gastronomie auch mein Weizenbier schon mal kühl stellen.

 

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Wissenschaftler sehen Deutschland auch dann vor einer wahren Herausforderung, selbst wenn keine Lockerungsmaßnahmen ergriffen würden.

Auch wenn wir wünschen und befürworten, dass Schritt für Schritt der strenge Lockdown gelockert wird, insbesondere nachdem die Fallzahlen unter die Inzidenz von 35 - bezogen auf ein Bundesland – gedrückt werden konnten, sind Instrumente, die bisher Schwächen zeigten zu überprüfen und neu auszurichten.

Doch was tun die Verantwortlichen?

Vor wenigen Tagen schrieb mein Wahlkreiskandidat:

„Um uns Bürgerinnen und Bürgern sowie den Unternehmen Planungsperspektiven zu geben, arbeiten Bund und Länder weiter an der Entwicklung nächster Schritte der sicheren und gerechten Öffnungsstrategie hinsichtlich der Kontaktbeschränkungen von Kultur, Sport in Gruppen, Freizeit, Gastronomie und Hotelgewerbe, damit unser Leben wieder mehr Normalität gewinnt. Diese wird von der Arbeitsgruppe auf Ebene des Chefs des Bundeskanzleramtes und der Chefinnen und Chefs der Staats- und Senatskanzleien vorbereitet.“

Sie vergessen das Wesentliche.

Da ist keine Rede von Maßnahmen der Absicherung. Die Bedeutung der Nachverfolgung bleibt hier wie auch in den inhaltsleeren Talkshows unerwähnt.

Es wird diskutiert und diskutiert obwohl die Zeit zum Handeln verdammt knapp wird.

Bleibt Deutschland vor dem Schlimmsten verschont?

Modellrechnungen zeigen, dass bereits Anfang März die Mutanten die Fallzahlen wieder steigen lassen und Mitte März mit der Horrorzahl von 20 000 Fällen pro Tag zu rechnen ist.

 

Im Spiegel-Artikel „Die dritte Welle – Pandemie“ vom 13.02.2021 betont der Physiker Michael Meyer-Hermann, dass alle Modellrechnungen befürchten lassen, dass die aktuellen Maßnahmen nicht ausreichen „um die exponentielle Ausbreitung der neuen Variante aufzuhalten“.

Was ist zu tun?

Die vom Spiegel befragten Wissenschaftler fordern eine „verbesserte Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern“. Michael Meyer-Hermann sieht die Chance die Reproduktionszahl mit einer effizienteren Kontaktnachverfolgung unter 1 zu bringen. Voraussetzung sei jedoch eine sehr niedrige Inzidenz. Glaubt noch jemand an die immer wieder kolportierte Behauptung, die Gesundheitsämter könnten Inzidenzen bis 50 effektiv verfolgen?

Es bleibt keine Zeit zur Diskussion. Und sie ist auch nicht notwendig.

Stern-Autor Walter Wüllenweber beschreibt einem aufrüttelnden Artikel im Stern Nr. 7 vom 11.2.2021 mit der Überschrift „Beamte an die Front!“ die Dramatik der Situation und führt uns vor Augen was wir bisher nicht so klar sehen wollten.

 

Er appelliert an die Politik alle verfügbaren Werkzeuge auszupacken und macht dazu konkrete Vorschläge: „Haben wir uns an die grausamen Todeszahlen gewöhnt, mit denen wir jeden Morgen geweckt werden? Geben wir wirklich alles um die Apokalypse abzumildern? Sind wir bereit, in der größten Bedrohung die größten Werkzeuge auszupacken?“ Daher: Beamte an die Front!

Ich stimme – als Beamter - dem Autor ausdrücklich zu, wenn er fordert, dass Beamte, deren Aufgaben durch den Lockdown ruhen, überall dort eingesetzt werden, wo wegen Personalmangel sinnvolle Schutzmaßnahmen unterbleiben.

 

Mobilmachung und Bürgerbeteiligung

Richtig ist auch, dass eine Mobilmachung schon lange angesagt ist. Sie erfordert jedoch von den politischen Verantwortlichen die Kraft zu unbeliebten Entscheidungen. Wir müssen in den "kommenden Monaten bei den lebensrettenden Maßnahmen noch eine Schippe drauflegen".

Dass sich allerdings niemand finden würde, der eine Vielzahl an notwendigen Aufgaben übernehmen möchte, halte ich für eine – die einzige - Fehleinschätzung des Autors.

Viele Bürger haben die Erfahrung gemacht, dass die Ämter Unterstützung nicht oder nur zu erheblichen bürokratischen Bedingungen bereit sind anzunehmen.

 

Abwarten ist keine erlaubte Lösung!

Die Bürger erwarten, dass endlich Schluss ist mit dem Abwarten und dem dann regelmäßig zu spätem Reagieren.

Wenn die Politik hinterherläuft, dann bedeutet es neben den schweren Erkrankungen und den Todeszahlen immer unnötige Härten für Bürger und Wirtschaft.

Strategien, Konzepte und Maßnahmen müssen schon seit gestern der Gefechtslage gerecht werden.

Sollte der Worst-Case-Fall, wie ihn andere Länder um uns herum erlebt haben nicht eintreten, dann sind eben alle Maßnahmen eine Katastrophenschutzübung für zukünftige Pandemien.

Härte, wer Härte verdient.

Politiker, die regelmäßig die Hinnahme von harten Einschränkungen fordern, sollten sich nicht über Forderungen nach harten Konsequenzen bis zur Entlassung aus ihren Ämtern wundern, wenn das eintritt, was uns mit einer hohen Wahrscheinlichkeit schon in Kürze treffen könnte.

Mein Wunsch für alle Leser – bleiben Sie gesund.

Bewertung: 5 / 5

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zum Artikel im Mannheimer Morgen vom 30. Januar 2021 "Ämter fürchten Software-Chaos" von Leon Scherfig - Redakteur der Zentralredaktion der Funke-Mediengruppe

 

Alle Welt spricht über Exit-Strategien aus dem Lockdown. Zahlenspielereien ohne Strategien der Absicherung verkennen den Ernst der Lage und sollten bei der nächsten Wahl abgestraft werden. Lockerungen über die Schulen hinaus, ohne echte Anstrengungen die Nachverfolgung zu verbessern dürften schnell zum nächsten Lockdown führen.

 

Doch gerade bei der Nachverfolgung geht so ziemlich alles schief, was selbst die Kanzlerin laut Bild beklagt haben soll. Die Einführung einer Software, die die Aufgaben vereinfachen und beschleunigen soll, mit  Schnittstellen zu anderen Ämtern/Gesundheitsämtern und zum RKI, kommt einfach nicht voran.

 

Viele Gesundheitsämter hängen an ihren bisherigen Programmen und Abläufen.  Zudem soll die von der Bundesregierung geforderte Software allzu viele Schwächen haben.

Dann soll die Einführung der Software auch noch von dem jeweils zuständigen Datenschutzbeauftragten abhängig sein - welch ein Horror.

 

Die Bundesregierung hatte die Einsetzung der Software mitten im Anstieg der Pandemie im Oktober/November vergangenen Jahres gefordert. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass die Gesundheitsämter damit einen Teil ihrer Energie für die Vorbereitung auf die Einführung eingesetzt und damit den weiteren Anstieg der Fallzahlen, nachdem ein Plateau erreicht war, begünstigt haben. Ziel war die Implementierung bis zum Jahresende. Jetzt wird vom Februar als neuem Ziel gesprochen. Und damit wieder zur falschen Zeit.

 

Lockerungen ohne Gesundheitsämter, die sich auf die Nachverfolgung konzentrieren und die eine schnelle Nachverfolgung - für präventive Effekte - gewährleisten können sind schlicht nicht zu verantworten. Theoretisch  könnten Lockerungen dort zugelassen werden, wo ein Stresstest belegt, dass die Ämter in der Lage sind sich auf wieder steigende Fallzahlen  einzustellen. Doch das was im vergangenen Jahr schief ging dürfte wieder schief gehen. Es ist zu befürchten, dass die Mutanten die Inzidenzen in kurzer Zeit von hoffentlich bald erreichten Werten um 25 schnell auf über 50 ansteigen lassen.

 

Die Ämter bzw. die politisch auf kommunaler Ebene Verantwortlichen hatten weder rechtzeitig erkannt wie schnell sie an ihre Grenzen kommen und waren auch nicht fähig den Personalbedarf mit Bundeswehr und Freiwilligen rechtzeitig zu decken. Da bleibt nur die vage Hoffnung, dass die Bundesregierung mit "Fordern und Fördern" kurzfristig eine Ergebnisorientierung erreicht und auf die Durchsetzung der Software-Implementierung vorerst verzichtet.

 

In einer Pandemie müssen Richtlinien, Vorschriften und Weisungen, die ansonsten ihre Berechtigung haben, ausgesetzt werden und straffen Arbeitsabläufen mit dem Ziel der Prävention absoluten Vorrang eingeräumt werden. Hier ist vor allem Mut auf der kommunalen Ebene gefordert, von der man allerdings nichts zu konkreten Maßnahmen hört, die geeignet sein könnten, um die Fehlleistungen vor der 2. Welle zu vermeiden.

 

Langfristig ist der Wirrwarr an Zuständigkeiten, bürokratischen Regeln und mangelnder lokaler Ergebnisorientierung wohl nur aufzulösen, indem die Nachverfolgung aus den Gesundheitsämtern ausgegliedert und von einem zentralen Kompetenzteam gelenkt wird.

 

Bewertung: 5 / 5

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Leserbrief zum Artikel "Wir sind im Blindflug" im Der Spiegel Ausgabe Nr. 3/2021

Strategien. Wie kommt Deutschland schneller aus dem Shutdown? Die Ärztin Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats, fordert regelmäßige Tests - für alle.

 

Frau Professor Woopen hat im Interview alles übertroffen, was bisher von Politik, Rundfunk und Presse zu Corona zu hören war. 

 

Sie fordert die Politik mit der Aussage heraus:

Gute Strategien, um Dinge wieder zu ermöglichen und gleichzeitig die Zahlen niedrig zu halten, werden nicht realisiert.

 

Eindimensionale und grobschlächtige scheinbar alternativlose Maßnahmen, die unnötig viele Menschen in vielerlei Hinsicht treffen, müssen dringend durch kurz- und langfristig  angelegte und vor allem evidenzbasierte zum Teil ersetzt bzw. erweitert werden. Auch wenn die noch von einer Mehrheit mitgetragen werden.

 

Ich erwarte zudem mehr Mut, Phantasie und auch Härte bei der Sichtung unserer Schwächen, z.B. der unserer Gesundheitsämter, aber auch  mehr Unterstützung von lokaler Kreativität und Experimentierfreude, ggf. auch durch das Einräumen von mehr Spielräumen/Handlungsfreiheit - ebenso das Einfordern von mehr Eigenverantwortung.

 

Um nur zwei Beispiele zu nennen: Warum kann eine Kommune oder ein Landkreis, die z.B. in Sachsen an der Grenze zur Tschechoslowakei mit hoher Inzidenzrate liegen, nicht entscheiden die Arbeitspendler 4 Wochen in Hotels unterzubringen - ggf. mit der Setzung von Anreizen?

Warum kann eine Kommune ihre Erzieherinnen, die die Notbetreuung wahrnehmen nicht (freiwillig) impfen lassen und durch regelmäßige Schnelltests der Kinder  schützen? Muss darüber immer die ganze Republik diskutieren? Warum darf dafür nicht ein kleiner gut angelegter Teil der Bazooka gezückt werden?

 

Wir sehen in aller Welt erfolgreiche Anstrengungen in der Bekämpfung der Pandemie. Wieso setzen wir nicht massiv Kapital und Expertise ein, um die Erfahrungen von asiatischen Staaten - und hier vor allem von Taiwan -  zu verstehen und zu nutzen.

Wollen wir nicht alle, dass Deutschland eine seiner Wirtschaftskraft und seinem Bildungsniveau entsprechende Rolle bei der Bekämpfung der Pandemie in der Welt einnimmt?

Bewertung: 5 / 5

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