Die Gefahr der eigenen Realität
Da ich in meinem Text „Krieg, Dienst und Verweigerung“ die Verwendung der derzeit verwendeten finanziellen Mittel in die Kriegsmaschinerie anprangerte und den Alternativvorschlag unterbreitete, die Mittel doch eher der psychologisch, spirituell und philosophischen Entwicklung der Menschheit zu zuführen, traten Fragen an mich heran, wie dies aussehen könnte.
Es stellt sich also zunächst die hypothetische Frage, was geschehen würde, wenn die Menschen in die Lage versetzt würden, sich ihrer eigenen Realität bewusst zu werden und sie sich auf diese einstellen könnten.
Eine Hypothese die wahrscheinlich für einige absurd klingen mag, doch was ist Realität und was ist der Trugschluss, dem wir so oft unterliegen? Wir einigen uns bitte darauf, dass Realität das ist, was unabhängig unserer subjektiven Erfahrungen und Sichtweisen stattfindet. Da wir unsere Sichtweise auch über die Gesellschaft hinaus stellen möchten, gilt es anzunehmen, dass alle in der Gesellschaft lebenden ebenso Trugschlüssen unterliegen und sich stillschweigend oder bewusst auf eine gemeinschaftliche Wahrnehmung der Realität geeinigt haben.
In der Psychologie zwingen uns Erfahrungen, Glaubenssätze unserer Eltern, Übertragungen oder Projektionen eine beschränkte Realität auf. In der Philosophie suchen wir nach möglichen Wahrheiten oder alternativen Wahrheiten, in der Annahme uns selbst vergessen zu können. In der spirituellen Betrachtung suchen wir nach dem göttlichen in uns selbst, etwas das zuerst da war und demnach unverfälscht auf die Dinge sehen kann.
Im Späteren habe ich mich entschieden auf die nordische Mythologie zurück zu greifen, um nicht Gefahr zu laufen mich der Häresie oder Hybris schuldig zu machen.
Nicht desto Trotz möchte ich an der Stelle zugeben, dass ich dem alten Testament wenig abgewinnen kann, hingegen erscheinen mir sehr viele Ähnlichkeiten des neuen Testaments im Vergleich zur nordischen Mythologie. Abgesehen vom Buch Genesis und Johannes Offenbarung.
Was wäre also, wenn ein jeder in die Lage versetzt werden würde seine eigene Realität zu erkennen? Wenn jeder Schleier verschwände und Feindbilder verdampfen würden?
Jede Verantwortung bei dem bleibt, der auch die Konsequenzen seiner Handlungen und Sichtweisen tragen muss, doch ab jetzt in voller Bewusstheit.
Der bisher herrschende gesellschaftliche Konsens würde in seine Bestandteile zerfallen, weil vieles von dem auf falschen Grundlagen fußte. Eine neue, an die Wurzel führende und auf persönlichen Bedürfnissen beruhende Eigenständigkeit müsste zwangsläufig entstehen.
Einst übergestülpte Wahrheiten müssten durch persönliche Gewissheiten ersetzt werden. Alte Strukturen hinsichtlich der Moralvorstellungen und Rechtssysteme könnten, dem nun neu erlangten Bewusstsein, nicht mehr standhalten und müssten vollkommen neu verhandelt werden.
Kollektiv verbreitete Ideologien, mit ihren Manipulationen und Wirrungen könnten nicht mehr gegen die eigenen Erkenntnis standhalten.
Das neu erlangte Wissen, um die Einzigartigkeit der individuellen Wahrheit würde es überhaupt erst möglich machen, die Andersartigkeit der Mitmenschen akzeptieren zu können, weil niemand glaubhaft eine Wahrheit als die universelle darstellen könnte.
Kirchen, Sekten, aber auch Währungen – für viele Menschen ist Geld gleich Gott – und nicht gemeinsam vereinbarte Gesetze würden einfach in sich selbst zusammen fallen.
Ein Jeder müsste seinen eigenen, gerade den versteckten, Bedürfnissen und Beweggründen in beide Augen schauen. Geheucheltes Mitgefühl, um nicht selbst fühlen zu müssen. Hilfsbereitschaft, als Mittel nicht allein sein zu müssen oder Macht über sein Gegenüber zu erlangen. Die Sucht nach Macht, um nie wieder ohnmächtig und ausgeliefert zu sein. Neurotischer Perfektionismus, um nicht Gefahr zu laufen, dass andere die eigenen Schwäche und Bedürftigkeit erkennen.
Übertragungen auf den Partner, um vielleicht doch noch die Liebe des Vaters zu erlangen. Projektionen auf Kollegen oder Partner, um nicht den Vater oder die Mutter hassen zu müssen.
Man könnte hier noch ewig weiter führen und würde doch nicht alles erwähnen können, was sich versteckt immer und immer wieder wie ein Faden durchs Leben zieht.
Doch was wäre die Rolle des Allvaters Odin, wenn Selbsterkenntnis Einzug hielte?
Ich versuche ein Bild zu beschreiben, um der spirituellen Sichtweise ihren Platz zu bieten.
Odin würde hoch oben in der Krone des Weltenbaumes Yggdrasil thronen, sein Blick würde über alle neun Welten schweifen, ohne etwas zu übersehen. Die Fäden der Schicksalsgöttinnen
(den Nornen) wären nicht mehr unabänderlich zu einem festen Seil verwoben. Milliarden von Möglichkeiten würden sich in aus Licht gewebten Strahlen über allem Sein ergießen.
Die Schleier zwischen den Welten würden schwinden. Odin, der einst ein Auge opferte, um Weisheit zu erlangen, sähe nun auf eine Menschheit, die sein Opfer nicht mehr braucht.
Die einst kollektive Blindheit sähe ihrem eigenen Ende entgegen. Jeder Mensch wäre nun sein eigener Seher.
Der Allvater müsste erkennen, dass der Weltenbaum als Verbindung zwischen den neun Welten nicht mehr durch seinen starken Stamm genährt wird, sondern durch ein bewusstes Miteinander der unzähligen, gleichzeitig existierenden Realitäten.
Konflikte des Glaubens willen, würden versiegen, denn Wissen ersetzt nun Vermutung.
Des Allvaters Odin Herrscherrolle würde sich wandeln. Er würde erkennen, dass er nicht mehr das Schicksal der Menschen lenken muss, sondern nur noch denen Halt bieten müsste, welche in der Flut der Erkenntnis nach im rufen.
Ein Gedanke der mich immer wieder verzweifeln lässt, ist dass es wahrlich nichts Neues unter Gottes Sonne gibt. Bereits das Orakel von Dephi erkannte nichts anderes als das Beschriebene, allerdings in nur drei Worte gefasst: „ERKENNE DICH SELBST“.
Gautama Siddhartha, der erste Buddha erkannte, dass die Gedanken all zu oft die Seele belügen. Jesus Christus erkannte: „VERGIB IHNEN; DENN SIE WISSEN NICHT WAS SIE TUN“.
Und doch, stehen wir heute wieder am Anfang oder weit dahinter.
Ist es die Angst vor der Erkenntnis des eigenen Ichs? Wer bin ich, wenn ich endlich ich selbst bin? Haben mich meine Mitmenschen wegen meinem ich oder meinem Selbst geliebt, geachtet oder respektiert ? Kann ich das, was ich bisher tat auch dann noch tun, wenn ich weiß warum ich das tue? Ist mein Mann oder meine Frau immer noch bereit mir zu zuhören, wenn ich wirklich von mir rede? Bin ich selbst noch bereit, das bisschen Selbstliebe für mich aufzubringen, wenn das ich zum selbst wurde?
Vielleicht ist es die Unsicherheit die uns fürchten lässt, dass wir uns selbst falsch verstehen könnten. Vielleicht ist es doch leichter, anderen zu glauben, als uns selbst, denn nur so gibt es einen Schuldigen außerhalb unseres Konstruktes, dass wir Ich nennen.
Vielleicht bekämpfen wir einander, um nicht uns selbst verdammen zu müssen?
Vielleicht.....
Vielleicht......
Vielleicht......
Uwe Reetz
Die Gefahr der eigenen Realität
- Details
- von Uwe Reetz
- Zugriffe: 61
- Hinweis der Redaktion: Dies ist ein ungekürzter, unzensierter Originalleserbrief. Die Bürgerredaktion ist neutral. Verantwortlich für den Inhalt (auch der Kommentare) ist ausschließlich der Autor. Gedruckter Text ist farbig. Bewerten am Ende des Beitrags. INFO zum Autor, auch alle seine weiteren Artikel: klicken Sie bitte oben bei den Schlagwörtern den Namen des Autors. Wenn der Artikel nicht vollständig angezeigt wird (...), klicken Sie bitte auf den Titel.












































































































