Geschichtsaufarbeitung – auf zwei unterschiedliche Arten
Man sollte meinen, die Geschichte, vor allem die des zweiten Weltkriegs, der Judenvernichtungslager, KZs usw. ist aufgearbeitet, die Schuldigen benannt und in den Geschichtsbüchern verankert. Nichts, aber auch gar nichts ist ungesagt, oder gar ungesühnt. Und dann liest man Bücher wie diese und wird eines anderen belehrt:
Sabine, die im Anne-Frank-Haus in Amsterdam wieder und wieder Besucher durch die Räume führt und ihnen die Geschichte der jüdischen Familie ans Herz legt, tut ihr Bestes, damit sich Geschichten wie diese nicht wiederholen können. Niemals. Und dabei hat sie selbst ein so dunkles Geheimnis, das nicht einmal sie kennt. Erst im Laufe des Romans ahnt, ja letztlich erfährt man: nichts ist bis zum Schluss aufgeklärt. Das Schlimmste wartet immer noch, bis zum bitteren Ende…
Nicht nur die im Lager gesessenen haben ihr Päckchen zu tragen. Auch Verwandte, Freunde, nicht unmittelbar betroffene haben jahrzehntelang an dem Geschehenen zu knabbern, teils an den Erzählungen und Überlieferungen – aber auch an ihren eigenen Zweifeln an der Vertrauenswürdigkeit der Überlebenden… Wenn dann noch eine verwandtschaftliche Beziehung zutage tritt, mit der niemand gerechnet hat, wird erst das Ausmaß der Verwerfungen deutlich, die diese unrühmliche Geschichtsepoche ausgelöst hat…
Wir erfahren im Rahmen einer ungewöhnlichen Liebe davon, wie sich Menschen in Zeiten historischer Verwerfungen und politischer Verwicklungen verhalten – die einen treu, loyal wie wahre Freunde, die anderen eben wie normale Menschen eben, die an hier und heute, nicht an den anderen, sondern eher nur an sich und das Hier und Jetzt denken: Aber der Roman zeig, wie niemand seiner Verantwortung entgeht für das, was er getan – oder unterlassen hat. Wenn es dann noch sprachlich gut aufgebaut ist und siech spannend liest wie ein Krimi – umso besser. Für den Leser jedenfalls.
Jessica Durlacher : Die Tochter, Roman, Diogenes 2003, deutsch von Hanni Ehlers, 326 Seiten
Ganz und gar nicht aufgearbeitet ist ein anderer Teil der Geschichte, den Andrej Makine (Das französische Testament u.a.). in seinem Buch „Musik eines Lebens“ beschreibt. Diese Geschichte, nämlich die der russischen Gefangenen- und Arbeitslager, ist – im Gegensatz zur Geschichte des 2.Weltrkriegs - nach wie vor offen ist. Schlimmer noch: sie bestehen bis heute fort. Ein Grund mehr für den Autor, sich mit einer Person zu befassen, hier ist es der Pianist Alexej. Seine Familie wurde in den 50ern deportiert. Und nur einem freundlichen Nachbarn, der ihn auf dem Nachhauseweg vor der Rückkehr warnte, verdankt er sein Überleben. Aber der Weg nach Westen zu den Verwandten seiner Eltern ist nicht nur weit und beschwerlich. Dort angekommen, muss er seine Identität verschleiern – indem er die Identität eines gerade an der Westfront getöteten Soldaten annimmt: im Alter und Aussehen ihm nicht unähnlich übernimmt er dessen Ausweis wie die zerfetze Uniform(!) und flieht damit in ein neues, ihm unbekanntes Leben, in dem die Musik so gar keinen Platz mehr hat – wenn nicht eine mäßig begabte Klavierschülerin ihn Volks- und Kinderlieder klimpern ließe…An und an drückt er sich in einem Konzert in einen Sitz in der letzten Reihe des Konzertsaals statt Chopin oder Rachmaninow auf der der Bühne dort zu spielen.
Makine beschreibt gefühlsecht und poetisch eine wirklich außergewöhnliche Lebensgeschichte – nicht so sehr die musikalischen Details (leider!), dafür in sprachlich so berührender Weise, für die auch der Übersetzer die richtigen Sensoren hatte. Ich möchte es allen empfehlen, auch wenn es, genau wie das erstgenannte Buch, bereits über 20 Jahre lang vorliegt.
Andrej Makine: Musik eines Lebens, Hoffmann und Campe 2003, deutsch von Holger Fock, 145 Seitenp
Renate Parschau











































































































