Brief zum Beitrag:
„Gesundheitslotsen in den Rathäusern: So laufen die EmslandCare-Sprechstunden“ von Jana Schepers vom 15. Juni 2026 gelesen.
Mit EmslandCare soll die Gesundheitsversorgung im Emsland verbessert werden. Geplant sind Anlaufstellen, die Menschen bei psychosozialen, pflegerischen und dementiellen Belastungen unterstützen, sie frühzeitig begleiten und Hausarztpraxen entlasten.
Der Anspruch ist nachvollziehbar. Doch die entscheidende Frage ist: Werden damit die eigentlichen Versorgungsprobleme gelöst?
Denn diese sind seit Jahren unverändert: Es fehlen Hausärzte, Fachärzte, Therapeuten und Pflegekräfte. Wartezeiten sind lang, Behandlungsplätze knapp, die Versorgung vielerorts überlastet. Genau hier setzt EmslandCare jedoch nicht an. Es entstehen weder zusätzliche Behandlungskapazitäten noch neue Arztpraxen oder Therapie- und Betreuungsangebote. Stattdessen wird eine weitere Beratungsstruktur aufgebaut.
Damit zeigt sich ein bekanntes Muster im Gesundheitswesen: Auf strukturelle Engpässe wird mit zusätzlichen Schnittstellen reagiert statt mit mehr Versorgung. Gesundheitslotsen können Orientierung geben und vermitteln, ersetzen jedoch weder medizinische noch therapeutische oder pflegerische Leistungen. Ob dadurch tatsächlich eine Entlastung der Hausarztpraxen entsteht, bleibt fraglich, da die meisten Arztkontakte durch akute Erkrankungen, chronische Leiden oder notwendige Verordnungen entstehen und nicht durch Beratungsangebote ersetzt werden können.
Hinzu kommen praktische Einschränkungen. Die Beratungsangebote finden überwiegend vormittags statt und sind damit für berufstätige Angehörige nur eingeschränkt nutzbar. Gleichzeitig haben viele ältere oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen Schwierigkeiten, die Anlaufstellen im Emsland zu erreichen. Nicht fehlende Beratung ist dort oft das Problem, sondern die mangelnde Erreichbarkeit, etwa aufgrund eines fehlenden Führerscheins oder einer schlechten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.
Zudem übernehmen bereits heute zahlreiche Akteure vergleichbare Aufgaben: Hausärzte, Pflegestützpunkte, Krankenkassen, Sozialdienste und insbesondere ambulante Pflegedienste. Letztere werden häufig unterschätzt. Sie sind in den Gemeinden fest verankert, kennen die Menschen und die regionalen Versorgungsangebote. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkennen Probleme frühzeitig, beraten Betroffene und organisieren Hilfen in enger Abstimmung mit Ärzten, Therapeuten, Beratungsstellen und weiteren Institutionen.
Sie verfügen über die notwendige Fach-, Beratungs- und Koordinationskompetenz und übernehmen viele Aufgaben eines Gesundheitslotsen bereits heute. Zudem sind sie täglich und häufig nahezu rund um die Uhr erreichbar. Auch in Hausarztpraxen bestehen mit nichtärztlichen Praxisassistentinnen und -assistenten (NäPA) etablierte Strukturen für Koordination und hausarztnahe Leistungen.
Gerade angesichts des Fachkräftemangels und knapper kommunaler Haushalte sollte gelten: Bestehende Strukturen stärken statt neue Projekte schaffen. Eine kommunale Gesundheitskoordination auf Basis ambulanter Pflegedienste könnte Hilfsangebote bündeln, Versorgungslücken frühzeitig erkennen und Betroffene gezielt durch das Gesundheitssystem begleiten. So ließen sich Doppelstrukturen vermeiden, vorhandene Ressourcen besser nutzen und öffentliche Mittel effizienter einsetzen. Statt neue Verwaltungsstrukturen aufzubauen, wäre es naheliegender, etablierte Einrichtungen gezielt personell und finanziell zu stärken.
Das wäre bürgernäher, praxisorientierter und langfristig nachhaltiger als weitere Prestigeprojekte mit oft ungewissem Nutzen.
Vor diesem Hintergrund wirkt EmslandCare weniger wie eine Versorgungslösung als vielmehr wie eine zusätzliche Ebene mit weiteren Schnittstellen und Zuständigkeiten in einem ohnehin komplexen System.
Während vielerorts Bürokratieabbau gefordert wird, entsteht mit EmslandCare eine weitere Verwaltungsebene. Statt Strukturen zu vereinfachen, werden zusätzliche Zuständigkeiten und Schnittstellen geschaffen. Das mag die Organisation verbessern, löst aber nicht den Mangel an Ärzten, Pflegekräften und Therapie- und Versorgungsangeboten.
Auch die angekündigte Entlastung der Hausarztpraxen überzeugt nur eingeschränkt. Ohne zusätzliche Behandlungs- oder Therapiekapazitäten lassen sich Wartezeiten nicht verkürzen. Koordination kann Prozesse strukturieren, aber keine fehlenden Ressourcen ersetzen.
Mittelfristig sollten regionale Gesundheitszentren in den Blick genommen werden, wie sie bereits in Niedersachsen und Brandenburg erprobt werden. Dort arbeiten Haus- und Fachärzte, Pflegekräfte, Therapeuten und Gesundheitsdienstleister unter einem Dach zusammen und ermöglichen Versorgung aus einer Hand statt reiner Koordination.
Ergänzend sollten regionale Gesundheitskonferenzen weiterentwickelt werden, in denen Krankenhäuser, Ärzte, Pflegeeinrichtungen, Therapeuten und Kommunen die Versorgung gemeinsam abstimmen und verbessern.
Auch die Finanzierung wirft Fragen auf: Bei einem Projekt mit erheblichem Mitteleinsatz muss klar erkennbar sein, welchen konkreten Nutzen es bringt. Werden Wartezeiten verkürzt? Wird die Versorgung spürbar verbessert? Oder entstehen vor allem neue Strukturen ohne nachweisbare Entlastung?
Eine bessere Vernetzung ist grundsätzlich sinnvoll, ersetzt jedoch keine Ärzte, Pflegekräfte oder Therapie- und Versorgungsplätze. Deshalb sollte die Diskussion nicht bei zusätzlichen Beratungsangeboten stehen bleiben. Entscheidend sind der Ausbau der ambulanten Versorgung, die Nutzung bestehender Strukturen und gezielte Investitionen in mehr Behandlungs- und Versorgungsangebote.
Am Ende bleibt eine einfache, aber zentrale Frage: Wird mit EmslandCare tatsächlich die Versorgung verbessert oder vor allem eine weitere Verwaltungsstruktur geschaffen, die die bestehenden Probleme lediglich besser verwaltet statt sie zu lösen?
Werner Koop











































































































