Protestmüde
Nachdem die vergangenen Jahre geradezu von Protesten, Demonstrationen und allen anderen Möglichkeiten unserer Demokratie, durchpflügt wurden, scheint sich nun eine rudimentäre Protestmüdigkeit eingestellt zu haben.
Fridays for Future, Black Lives Matter, Refugees are welcome or not, gegen die Coronamaßnahmen, für die Coronamaßnahmen, gegen Russland oder Slava Ukraini.
Einige verausgaben sich bis heute bei YouTube, Telegram, Instagram und was es sonst noch alles gibt. Andere tippen sich die Finger wund und hoffen, es in die Leserbriefe zu schaffen.
Bei den Montagsmärschen bin ich mitgelaufen, gleich in der Heimatstadt. Zuerst fand sich ein kleiner Haufen von sechs oder auch mal zwölf Leuten zusammen. Eine Kerze dabei, ein paar hundert Meter laufen und dann die Kerzen an der Kirche abgestellt. Die Wirkung war sicher gleich Null. Dann geschah es, dass jemand meinte Facebook zu nutzen, um den Haufen zu vergrößern. Man soll nicht die Möglichkeiten der Social Media unterschätzen!
Plötzlich standen so um die 100 Menschen auf dem Marktplatz, allerdings nichts mit Kerzen. Umrandet von Flatterband, die Maske auf Nase und Mund und beschützt von mehreren Streifen- und Mannschaftswagen. Dicht gefolgt von Kriminalbeamten in Zivil, die die Lage abcheckten.
Das Ganze hatte wohl zur Folge, dass auch andere neugierig wurden, so dass schon bald ein paar Hundert versammelt waren. Brav im Gänsemarsch durch die Stadt, die Polizei machte schön den Weg frei, so dass es auch ja keinen Ärger geben konnte. Später kannte man einige der Beamten und grüßte sich freundlich montags.
Sehr bald begann ich mich zu fragen, was das ganze außer den freundlichen Gesprächen bringen solle. Man sprach mit niemandem, der etwas hätte ändern können und es wurde auch nichts zu Papier gebracht. Man fühlte sich gut, weil man zu den großen Demos gehörig fühlte, die auch kaum etwas bewirken konnten. Außer, dass die Verunglimpfungen stetig wuchsen. Eines Montags fragte ich dann – nachdem Russlandfahnen und die Friedenstaube mit dabei waren - wogegen nun eigentlich demonstriert wird. Die Antwort war ernüchternd: „Gegen alles, was schief läuft in diesem Land!“
Aber wer nimmt von dem was schief läuft in diesem Land Notiz?
Während Tausende und mehr bei Frost und Regen durch die Städte liefen, sahen sich die der Änderung Fähigen das Ganze im Fernsehen an, schön bei Wein und leckerem Essen, vor dem warmen Kaminfeuer.
Während die Montagsmärsche noch etwas stockend anliefen, verliefen die Bauernproteste schon wesentlich strukturierter und reibungsloser. Die Polizeistationen waren so gut untereinander vernetzt, dass die Anfahrten nach Berlin – wo man dann an zugeteilten Stationen störungsfrei stehen durfte – besten koordiniert wurden. Einige Traktoren hatten sogleich Klarheit verschafft, indem in den Heckscheiben Schilder mit der Aufschrift: „Bunt statt Braun“ standen.
Die Klimakleber waren auch sehr interessant, die darf ich nicht unterschlagen. Ihre Proteste richteten sich genau gegen diejenigen, die gar nicht in der Lage sind deren Ziele umzusetzen. Nun gut, jedenfalls legitimierten sie dadurch die Maßnahmen, die sie am Ende mit uns allen zu tragen haben. Obwohl Klima gerade out ist, selbst die Hoheprediger distanzierten sich aktuell von den einstig großen Zielen.
Vielleicht einfach nur, weil man gerade dabei ist so oder so alles vorzubereiten, um alles in Schutt und Asche zu legen.
Zumindest hat das alles dazu geführt, dass so ziemlich alle Kreise von Gesprächen der politischen Gegebenheiten durchzogen sind. Nachbarn, die sich einst unterstützten, sprechen nicht mehr miteinander, sondern übereinander. Das Gleiche trifft für Familienmitglieder zu.
Einige haben ihre Art das Protests dahingehend gewandelt, dass sie „blau wählen“, wahrscheinlich in der Hoffnung, ihr „blaues Wunder“ zu erleben. Für mich ist es schlicht nicht nachvollziehbar, dass die Hauptcharaktere – welche bereits Millionäre sind und für die größten Banken gearbeitet hatten – eines morgens aufgewacht sein sollen und beschlossen: „Ab heute kämpfe ich für die armen Bürger!“ Das „Geschäft“ erscheint mir zu profitabel, wenn man bedenkt, dass eben die Akteure, die es vielleicht einst ernst meinten, sehr bald von eben diesen Nöten, die sie einst zum Widerstand veranlassten, eben schnellstens davon befreit wurden.
Einige wünschen sich – obwohl ich das lange nicht glauben wollte – den Kaiser wieder und wollen härter regiert werden. Andere hoffen, dass die russische Föderation den 2+4 Vertrag kündigt und den Osten befreit. Gesetz ist Gesetz, nur halten sich daran offenbar nur Gläubige. Wer weiß?
All diese Umstände haben dennoch einiges hinterlassen. Es gibt schließlich so um die 72 Geschlechter, Hobby Horsing, Hobby Dogging, der Glaube ein Hund oder Fuchs zu sein oder einfach ein Baby - welches keine großen Sorgen zu tragen hat – hat fest in unserer Gesellschaft Fuß gefasst. Der Wunsch nach den Toiletten für das „Dritte Geschlecht“ ist allerdings müßig umsetzbar, wahrscheinlich weil die Handwerker sich mittlerweile auch als Influencer oder gar transparent betrachten.
Doch am meisten bedaure ich den Verlust der Gesprächskultur. Jeder versucht sich in eine Rolle zu quetschen, die im Grunde rein gar nichts mit ihm zu tun hat.
Bei der riesig gewordenen Konkurrenz muss man da schon recht kreativ sein.
Wehe uns armseligen Sündern!
Jetzt, wo der Protest am nötigsten ist, sind wir alle von einer tiefen Schläfrigkeit befallen.
Zu einem Zeitpunkt, an dem es am wichtigsten wäre. Der Sozialstaat steht vor seinem jähen Ende, die medizinische Versorgung steht vor dem Aus, die Wirtschaft ist im Abschwung, die Zeichen stehen auf Krieg. Die künstliche Intelligenz scheint uns ersetzen zu wollen oder zu können bzw. werden wir selbst zu einer, indem wir platt repetieren was uns gerade eingehaucht oder eingedroschen wird.
Ich bin mir nicht sicher, ob wir jemals wirklich wussten wie Demokratie funktioniert oder ob wir schon immer dem Glauben erlagen, dass alles von höheren Mächten geregelt werden muss.
Jedenfalls denke ich nicht, dass das Teilen von Videos und das beklatschen von kräftigen Reden irgendetwas ändern wird.
Vielmehr sollten wir versuchen tiefe Menschlichkeit zu unseren Nachbarn und Lieben aufzubauen, denn das Leben spielt sich nicht im World Wide Web ab und hinter Masken des Mutes lässt es sich schlecht lächeln.
Vielleicht ist das leise Aussteigen aus der Mühle, die für uns am Laufen gehalten wird, der modernste und sinnvollste Protest von allen.
Uwe Reetzg












































































































