Heimat finden trotz Demenz! - QR Code Friendly

Ein persönlicher Kommentar zu Gerd Müllers Erkrankung an Demenz

„Weil wir in guten wie in schlechten Tagen zueinander steh‘n“. Als ich in dieser Woche aus den  Medien vom Schicksal von Gerd Müller erfuhr, hatte ich sofort den Refrain der Vereinshymne des FC Bayern im Kopf. Das Mitgefühl und die Äußerungen von Funktionären und Spielern zeigen, dass es dem Verein ernst ist mit dem Zusammenhalt, auch in schlechten Zeiten. Es ist tragisch, dass der „Bomber der Nation“ mit nicht einmal 70 Jahren an Alzheimer erkrankte. Ich bin ein riesiger Bayern-Fan, bei den Roten fühle ich mich daheim. Seit vielen Jahren gibt es kaum ein Spiel, das ich verpasse. Ich fiebere mit meinem Verein. Gerd Müller himmelte ich schon als Mädchen an. Wenn ich den Bayern-Schal mal ablege, bin ich in der Altenhilfe tätig. Ich leite das Alten- und Pflegeheim der Caritas im niederbayerischen Wallersdorf. Das passt übrigens schon von den Vereinsfarben her. Auch die Caritas ist rot-weiß.

 

Mich stimmt es nachdenklich, wenn ich zum Beispiel von Erfolgstrainer Jupp Heynckes lese, dass „Demenz das Schlimmste ist, was einem Menschen passieren kann.“ Ich denke, ich weiß, wie unser Triple-Trainer das gemeint hat. Trotzdem ist es mir wichtig, festzustellen: Ich habe in 25 Jahren meines Berufes viele Menschen mit Demenz kennen gelernt. Die allermeisten wirkten glücklich und zufrieden. Und ich bin überzeugt, dass sie es auch waren. Was Demenzkranke unruhig, unglücklich und oft aggressiv macht, ist das Verhalten ihres Umfelds. Dementielle Erkrankungen werden immer häufiger diagnostiziert, viele Menschen wissen aber nicht, wie mit diesen Patienten umzugehen ist. Menschen mit Demenz reagieren eben oft anders als erwartet. Es darf kein Anlass sein, die Stirn zu runzeln, wenn Altstar Gerd Müller Jungstar Thomas Müller nicht mehr erkennt. Es ist, wie es ist. Das ist normal bei Demenz. Gerd Müller braucht jetzt vor allem verständnisvolle, empathische Menschen um sich. In seinem Alten- und Pflegeheim wünsche ich ihm professionelle Kräfte, die den Schlüssel zu seiner Welt finden, ihn dort abholen und verstehen, mit ihm dort kommunizieren und lachen können. So kann der Bomber der Nation auch dort eine bombige Lebensqualität haben. Dann ist er hier sogar glücklicher als kurz nach seinem Karriereende. Vor 25 Jahren, inmitten seiner großen Lebenskrise und Alkoholsucht, gaben ihm Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer beim FC Bayern Arbeit und Heimat. Müller wird es im Seniorenheim gut gehen. Dort hat er nun eine neue, vermutlich seine letzte Heimat gefunden.

 

Siglinde Schröck

Heim- und Pflegedienstleiterin
FC-Bayern-Mitglied

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