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Helmut Schmidt ist tot. Er starb im Alter von 96 Jahren in Hamburg, knapp sechs Wochen vor seinem 97. Geburtstag.
Nicht nur Deutschland trauert, nicht nur die Welt trauert um Helmut Schmidt, ich tue es auch. So sehr auch ich ihn während seiner Kanzlerschaft missverstanden und gegen ihn opponiert habe (z. B. in punkto NATO-Doppelbeschluss), so sehr fühle ich mich in seiner Schuld. Er hatte Recht. Ich, Jahrgang 1949, hatte mich - und das nicht erst zu Zeiten Willy Brandts - links vom Parteienspektrum eingeordnet.  Sozialliberal, wie es viele andere in den wohl politischsten Zeiten der damals noch jungen Republik ebenfalls getan haben, begeistert von der Brandtschen Idee des „Mehr-Demokratie-wagens“. Nie mehr, so dachte und fühlte ich damals wie heute, sollte irgendeinem nationalsozialistisch verwurzelten Mann wie Kurt-Georg Kiesinger das Zepter über eine demokratische Gesellschaft in die Hand gegeben werden. Nie mehr, so dachte und fühlte ich damals, wollte ich einem ungerechten, autoritären Mann, ähnlich wie mein Vater, oder einem autoritären Greis, ähnlich wie Konrad Adenauer, meine Stimme geben. Und dann löste Helmut Schmidt unser aller Idol Willy Brandt als Kanzler ab. Der Macher, der Pragmatiker, der emotionslos erscheinende Kühle aus dem Norden löste den visionären Denker ab.
Mit Hilfe der Bildungsreform von 1970 hatte ich über den Zweiten Bildungsweg meine Hochschulberechtigung erwerben können und studierte anschließend Sozialwissenschaften (Politikwissenschaft und Geschichte), ein Studiengang, der bis dato für die meisten meiner Freunde aus den Arbeitersiedlungen unvorstellbar weit weg schien, ein Studiengang, dessen Existenzberechtigung in Zweifel gezogen wurde, oder den sie überhaupt nicht auf ihrem eher unpolitischen Schirm hatten.
Für mich hingegen schien alles Graue, alles Autoritäre ebenso überwindbar wie es mir anfänglich schien, dass mit Helmut Schmidt der vergangen geglaubte Autoritarismus wiederkehren sollte, wiederkehren in die gerade begonnene Zeit des erträumten, des erwünschten Aufbruchs in bessere, in demokratischere Zeiten, heraus aus den Zeiten der bildungsfern gehaltenen Herkunftssümpfe der Arbeiterschicht. Bildung als Chance.
Kritisch, wie viele andere, beäugte ich Helmut Schmidts kühl-pragmatisch wirkende Politik ohne die Visionen eines Willy Brandts, aber auch ohne die teilweise schnarrende Boshaftigkeit eines Herbert Wehners. Ich hatte nicht erkannt, dass mein „Beäugen“ etwas mit Fixierung auf diesen Mann zu tun haben könnte. Meine Fixierung lag auf dem schlechteren Teil der Demokratie, meine Fixierung lag auf dem Polemiker und Polarisierer Strauß, gegen den Helmut Schmidt die Wahl 1980 gewonnen hatte. Meine damalige Stimme für Schmidt war meine Stimme gegen Strauß. Meine Stimme für Helmut Schmidt bei der Wahl 1976 war meine Stimme gegen Kohl. Nicht mehr, nicht weniger.
Was meine damalige vorhandene, vielleicht eher heimliche Sympathie für Helmut Schmidt begründete, waren seine geschliffenen Reden (damals, bis zu seinem Tod, ohne einschäfernde Pausen-Ähs, die er allenfalls durch eine Prise Schnupftabak ersetzte und damit gleichzeitig gekonnte „Kunst“pausen setzte), seine stets durchscheinende Ironie, die viele (auch ich) fälschlicherweise glaubten als Arroganz abtun zu müssen, und seine geschliffene Fähigkeit der Rhetorik, vor allem gegen Strauß, dem er - nicht nur einmal - dessen sprachliche Grenzen aufzeigte. Gerade auch sehr und stets zu meinem großen Vergnügen.
Auch wenn Helmut Schmidt in hohem Alter gern selbstironisch davon sprach, er sei nur ein Staatsschauspieler gewesen, so war er ein Staatsschauspieler mit der größten nur möglichen Authentizität, vor allem im Vergleich zu allen damaligen Mit- und Gegenspielern und den heutigen Politikern, die - fast ausschließlich - als Zyniker in der jeweiligen Rolle eines Staatsschauspielers agierten und agieren. Allerdings fern jedweder wirklichen Schauspielkunst. Vor allem Männer, die nur deutlich zu machen scheinen, dass sie eine Rolle spielen und gleichzeitig glauben machen wollen, sie spielten sich selbst. Allerdings: Schlecht gespielt - und das noch ohne Text. Schauspielernde Improvisateure, die vor dem heimischen Spiegel geübt zu haben scheinen, ohne jegliche konstruktive und ehrlich gemeinte Korrekturhilfe an ihrer Seite.
Helmut Schmidt war echt, standhaft, ehrlich, ein wahrer Intellektueller auf dem politischen Parkett, ein exzellenter Redner, ein hanseatischer Sturkopp, und - vor allem - ein Mensch mit der Fähigkeit einer analytisch fundierten Weitsichtigkeit, die ich (und viele von uns) damals nicht erkannten oder es nicht wagten, sie wahrzunehmen.
Nach Ende seiner Kanzlerschaft und nunmehr seit vielen Jahrzehnten, bin ich zu einem großen Verehrer Helmut Schmidts geworden. Und ich werde es bleiben. Wenn einer Demokratie konnte, dann er. Uneigennützig, bescheiden, bei aller herausragenden Intelligenz und seines musischen Talents. Es gab keinen, und es gibt keinen Politiker, der ihm je das Wasser reichen könnte.
Helmut Schmidt: Ein großer Demokrat.
Nicht nur seine Weitsicht wird mir fehlen.
Ich danke Helmut Schmidt für die Hilfe im Widerstand gegen Mainstream. Ich danke ihm für das Gefühl, dass analytisch begründete Fragen nach Sinn und Zweck einer Handlung, einer Meinung oder reinem Populismus und Volksverdummung nie versiegen dürfen.  Ich danke ihm dafür, dass die permanenten Fragen nach dem Warum, Fragen nach Weg und Ziel, nie enden dürfen, selbst dann nicht, wenn man sich - immer wieder einmal - einsam vorkommt mit seiner, von anderen gern so genannten „ewigen Nörgelei“ und/oder „Besserwisserei“. Die als Schimpfworte gesagt und genau so gemeint sind. Schimpfworte, Versuche der Herabsetzung, die nicht von bildungsfernen, aber dennoch intellektuell eingeschränkten, zum Teil gar dummen Menschen benutzt werden. Schimpfworte, die in der Verkleidung allgemeinverständlicher Worte Ängste vor Intelligenz und Analysefähigkeit zu übertünchen beabsichtigen. Ich war, zumindest zeitweise, einer dieser dummen Menschen, die genau diese Fähigkeiten Helmut Schmidts nicht erkannte oder hat erkennen wollen.
Ich bedanke mich bei Helmut Schmidt für seine Standhaftigkeit, sich von solchen Diffamierungen nicht beeindrucken zu lassen, und ich bedanke mich bei ihm dafür, dass er mir damit geholfen hat, mich nicht beeindrucken zu lassen von Weisheiten, die hinter Biertresen gesammelt und vor den Tresen widergekäut werden.
Ich verneige mich in aller Ehrfurcht vor Helmut Schmidt und danke ihm posthum dafür, dass ich ihn über fünfzig Jahre meines politischen Denkens erleben durfte.
Danke für die Hilfe zur Erkenntnis.
Danke, Helmut Schmidt.

 

H. Jürgen Hoffmann

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