Deutschlands Fachkräftemangel – eine lange traurige Bilanz - QR Code Friendly
Szene am Rande eines Berliner Spielplatzes: Ein etwa dreijähriger Knirps flieht vor seiner jungen Mutter unter ein Gebüsch, weil die Mama ihn an sein Versprechen erinnerte, nach einer bestimmten Zeit ohne Murren nachhause zu gehen; sein Lieblingsessen würde auf ihn warten. Nach etwa zwanzig Minuten geduldigen Einredens auf den Jungen, inständigen Flehens, ratlosen Wartens, erneuten Bittens mit einer außerordentlich höflichen, intellektuellen Wortwahl, welche einem Diplomaten zur Ehre gereicht hätte, gab sie auf und tat so, als ob sie allein den Heimweg antreten würde. Den Steppke kratzte das nicht. Er kannte die Schwächen seiner Mama und blieb in seinem Versteck. Nach einigen zaghaften Schritten drehte sie sich um und ging erneut beherzt auf das Gebüsch zu. Um erneut zu bitten….. Einem älteren Herrn, der mit seiner Enkelin das Geschehen beobachtet hatte, griff ein, herrschte den kleinen Trotzkopf an, sofort das Gebüsch zu verlassen und zu seiner Mutter zu gehen. Außerdem hielten sich Ratten im Strauchwerk auf. Der Knirps floh zur Mama, die den Kerl noch rasch mit einem – bitterbösen, nicht etwa dankbaren Blick bedachte, bevor sich beide trollten. Vor etwa zwei Jahren erzählte eine Mutter ihrer Bekannten, dass sie sich darüber freue, dass ihre Tochter endlich spräche; - nun könne sie endlich richtig mit ihr reden…Es ist keine vier Wochen her, da beklagte sich die Mama wiederum bei ihrer Freundin, dass ihre Tochter in endlosen Diskussionen alles infrage stellen würde, was sie als Mutter tat, anzuordnen versuchte, oder aber sie lediglich um etwas bitten würde. Sie käme gegen ihre Tochter nicht mehr an…. Obendrein müsste sie für ihr Kind immer, zu jeder Zeit da sein, 100prozentig verfügbar; sie wäre nur ruhig – und das auch nur kurz, wenn sie ihr den Fernseher einschalten bzw. ihr (Mutters) Smartphone mit einem Spiel oder vielen Videos geben würde. Dabei wurde stets die Alternative mit den zahllosen Videos bevorzugt und brachte eine längere Phase der Erholung für die geplagte Mutter. Ich könnte die Liste solcher und ähnlicher Beispiele beliebig und endlos fortsetzen. Unser Heranwachsenden werde von klein auf zu willensstarken, individuell einzigartigen Persönlichkeiten geformt, die sich niemals eine Instanz unterordnen würden, die in der Gruppe sich hervorzuheben wissen, von ihrer Einzigartigkeit dermaßen überzeugt sind, von ihren Müttern – und später der Werbung - unaufhörlich darin bestärkt werden, sodass Kindergärtner/innen; später Lehrer/innen ihre liebe Not mit den sich überschätzenden, Anstrengung und geforderter Leistung scheuenden, aber außerordentlich diskutierfreudigen Sprösslingen haben. Nicht erbrachte schulische Leistungen werden, sowohl vom Kind als auch von den Eltern den unfähigen Lehrern angelastet. (Mein Kind kommt mit jedem Menschen klar, nur mit diesem Lehrer nicht, der schikaniert meinen Sohn/Tochter) Ein sehr beliebter, häufig und gern genommener Satz. Zudem wir immer häufiger den Kindern eingetrichtert, dass sie doch wohl zu Höherem berufen seien und der Blaumann etwas für Versager sei. Polytechnischer Unterricht, Berufsvorbereitender Unterricht findet kaum oder überhaupt nicht statt, denn man strebt das Gymnasium und ein folgendes Studium an. Junge Menschen, die auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht werden und tatsächlich eine Lehre beginnen, haben in aller Regel derartig schlechte schulische Vorkenntnisse, dass häufig ein Scheitern der Ausbildung vorprogrammiert ist. Hinzu kommt, dass sie mit allen Anforderungen, die eine Lehrausbildung ausmacht: Fleiß, Pünktlichkeit, Einordnung, Unterordnung, Höflichkeit etc., heillos überfordert sind – weil sie schlicht nicht dazu erzogen worden sind und in der Folge dagegen rebellieren. Ein Lehrabbruch wird in der großen Mehrzahl damit begründet, dass man mit dem Ausbilder nicht klar käme. Ja – der Ausbilder hat lediglich versucht, entgangene Erziehung anzuwenden - und war in diesem Stadium damit überfordert, denn er soll eigentlich berufliche Fertigkeiten und Fähigkeiten vermitteln und die Grundlagen einer bisher erfolgten Erziehung für ein erfolgreiches Berufsleben ausbauen und festigen. Häufig und immer mehr in aller Regel findet der Ausbilder einen sich selbst überschätzenden, undisziplinierten, rechthaberischen, faulen jungen Menschen vor, der nicht zuletzt selbst ein Opfer der entgangenen Erziehung und positiven Persönlichkeitsformung wurde und ist. Ist die Lehre mit Ach und Krach geschafft; Notendurchschnitt 4,4; dann wird der junge Mensch häufig von seiner Ausbildungsfirma entlassen. Er ist nicht zu gebrauchen, so die Aussage in aller Regel. Sein Gang führt zu Arbeitsamt und hier geschieht ein weiteres Paradoxon. Er kann mit BAFÖG sofort oder zeitnah ein Meisterstudium aufnehmen – ohne Berufserfahrung, ohne die dafür nötige Reife und vorausgegangener erfolgreicher Schulbildung. Und er wird Meister seines Faches……..! Kann so ein Mensch erfolgreich eine Firma leiten, qualitativ hochwertige Dienstleistungen und Handwerksaufträge ausführen? Sicher, es gibt Ausnahmen, wo jemand, salopp gesprochen, die Kurve kriegt und trotz aller negativen Voraussetzungen dennoch eine späte Entwicklung erfährt und ein guter Firmenchef wird. Keinesfalls ist das die Regel. Ich war viele Jahrzehnte in der Berufsausbildung tätig, habe als Quereinsteiger in einer Berufsschule gearbeitet, habe junge Strafgefangene unterrichtet und ausgebildet und musste erfahren, wie unsere junge Generation immer lustloser wurde. Wie alles, was vor der Wende in der Erziehung und Persönlichkeitsförderung in der DDR selbstverständlich und erfolgreich war, infrage gestellt wurde, z. B. durch antiautoritäre Erziehung abgelöst wurde, wie der Einfluss des Smartphones, des digitalen Mainstreams, der Werbung immer stärker wurde. PISA Studien belegen seit Jahren, dass unsere jungen Menschen in der Bildung im internationalen Maßstab an Boden verlieren, der Faktor Spaß immer größeren Stellenwert erfährt – auf die Reparatur einer Duscharmatur oder einer Waschmaschine dahingegen müssen wir bald Monate warten, weil solche Berufe unter den Jugendlichen verpönt sind, zu Knecht –Tätigkeiten herabgewürdigt werden und ALLE Verantwortlichen, denen die Bildung und Ausbildung sowie die Erziehung einer heranwachsenden Generation obliegt, schauen hilflos zu – nicht zuletzt, weil sie von der Politik und dem Staat im Stich gelassen werden. Und was tut die Politik nach mittlerweile jahrzehntelanger Untätigkeit? Sie anerkennt die miserable Bildungs- und Ausbildungssituation, indem sie Facharbeitern aus dem Ausland den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erleichtern will. Sicher, eine Maßnahme – aber kein Wort dazu, wie wir gemeinsam: Elternhaus, KITA, Schule, Berufsschule, Ausbildungsbetriebe, in hohem Maße unterstützt und gefördert durch den Staat, endlich gemeinsam dieser höchst prekären Situation begegnen können und wieder beginnen, das Vermitteln von reellen Werten dem einer immer mehr ausufernden virtuellen (Wertigkeit) zumindest an die Seite zu stellen, wenn nicht gar die Prioritäten zu verändern. Zuletzt noch eine Bitte. Ich möchte den Artikel nicht verstanden wissen als Angriff auf Väter und Mütter, auf Bildungseinrichtungen usw. wohl aber als eine starke Kritik an die Politik, die unsere Bildungseinrichtungen in schändlicher Art und Weise im Stich lässt, sei es durch die Duldung maroder Schulen und ähnlichen Einrichtungen, sei es durch Zulassung der Schwächung von Lehrer/innen- Kompetenzen, sei es durch die einseitige (nach wie vor) Förderung der sogen. Elite und der Missachtung der „Unterschicht“ in der Bildung. ( Ich habe diese Bezeichnung heute, am 05.01.2020 in der ARD aus dem Munde einer Staatsministerin vernommen…..) Mit freundlichem Gruß Joachim Zieseler
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Kommentare  

# Bilanz .. FachkräftemangelAlois Sepp 2020-01-06 10:20
Diesem fast endlosem, aber absolut der Realität entsprechenden Beitrag ist NICHTS hinzuzufügen.
Meine persönlichen Erfahrungen decken sich mit dem Vorgesagten. Welcher Arbeitgeber will solche Praxis- und Lebens-Untauglichen Geschöpfe für viel Geld einstellen? Meine laufenden Erfahrungen mit angeblichen Handwerkern, die einem ins Haus geschickt werden, sind mehr als traurig und erschreckend. Diese angeblichen Handwerker sind
mitunter sogar unfähig, mit dem Handwerkszeug fachlich und sachlich umzugehen.
Ich würde diesen Typen dann liebend gerne das Werkzeug aus der Hand nehmen und die Arbeit selber machen!
Und für solche angeblichen "Facharbeiter" bezahlt der Kunde und Auftraggeber ein Schweinegeld.
Hinzu kommt, die Wertigkeitsbetrachtung des ehrlichen Handwerks in der heutigen Gesellschaft. Viele Eltern streben für ihre "Sprösslinge" nur Abitur, höhere Schulausbildung und sonstwas an, für handwerkliche Berufe und Tätigkeiten finden sie es unter der Würde ihres Sprösslings!

Was kann aus so einer Gesellschaft und dem Nachwuchs überhaupt werden? Selbst bei einfachsten Fragen und Aufgaben können unsere Zöglinge ohne "Dr. Googles"-Befragung keine Antwort geben. Wenn vom Smartphone oder Handy der Akku leer ist, ist die eigene Intelligenz fast "Null"!
# FachkräftemangelJoachim Zieseler 2020-01-07 17:36
Danke für ihre Antwort.
Ich habe es wirklich versucht - aber man kann diese Misere kaum kurz und knapp behandeln.. Das79xp7 Thema ärgert mich seit langem und ich bin schockiert darüber, dass es soweit kommen konnte und der Negativtrend noch nicht beendet ist.
Mit freundlichem Gruß

Joachim Zieseler
# RE: Deutschlands Fachkräftemangel – eine lange traurige BilanzMichael Maresch 2020-01-07 20:18
Wenn es das Thema hergibt und das ist hier offensichtlich, mag ich ausführliche Beiträge. Da können Nebenschauplätze beleuchtet werden und die Gedanken haben mehr Auslauf.
Ich finde, das Thema ist diesen Artikel wert.

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