Von der Schanze zum Schand(z)fleck  - QR Code Friendly

Früher einmal, als das Wort Corona einzig mit einem kühlen Schluck Bier assoziiert wurde, ging ich liebend gerne in die Sternschanze. Sie war ein kultureller, charismatischer und quirliger Umschlagplatz für Menschen, die gerne durch kleine Boutiquen stöbern, nach einer geeigneten Schallplatte suchen oder mit einem leckeren Cocktail in einer Bar auf das Leben anstoßen. Wie schön die Schanze einmal war! So schön, dass ich 2017 hierhergezogen bin. Doch mit dem weltweiten Einzug der Pandemie und der Schließung der Großclubs auf der Reeperbahn hat sich hier alles geändert, sodass ich längst alles daran setze, abends nicht mehr in meinem einst geliebten Wahlstadtteil zu verkehren.
Spätestens auf dem Nachhauseweg holt mich die Wahrheit dann ein. Der einst fünfminütige Weg wird zu einer 20-minütigen Nervenprobe, in deren Rahmen ich nur darauf hoffen kann, dass mich die unruhige Masse in die richtige Richtung schieben wird und mich niemand von der Seite anpöbelt. Nicht nur am Wochenende platzen die engen kleinen Gässchen aus allen Nähten. Da die Bars überfüllt sind und die Gassen voll, weichen die partywütenden und grölenden Kleingruppen auf die Straßen und die Hauseingänge aus und hinterlassen jeden Abend wahlweise Ihren Magen- oder Blaseninhalt, leere Pommesschachteln oder Flaschen als kleines Andenken. Der Dresscode für die Schanze lautet seit neuestem nämlich: Raus aus der privilegierten und stubenreinen Hülle des Zivilbürgers, rein in den ach so leichten rücksichtslosen Mantel asozialen Verhaltens - der ist jetzt der neuste Schrei!
Endlich an der nächsten Hausecke angekommen, kann ich mich gerade noch vor drei betrunkenen E-Scooter-Rasern mit einem Sprung zur Seite retten, denen Ihr Leben heute Nacht egal zu sein scheint. Folgt man den Glasscherben auf dem einst so schönen Kopfsteinpflaster, auf dem sich heute Nacht tiefergelegte Sportwagen und Porsche Carrera durch die Massen drängen, so führen diese zu meinem Hauseingang. Nachdem ich vier sich Koks ziehende Menschen aus dem Hauseingang verscheucht habe, schließe ich in meinem Zimmer angekommen erschöpft und mit rasendem Herz resigniert meine Fenster: Das wird eine weitere stickige Sommernacht ohne frische Luft. Ich schließe die Augen und sinke mit dem gedämpften Gebrüll der Masse und splitterndem Glas in einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Morgen ab 06:30 Uhr werde ich wie mittlerweile jeden Tag von dem kleinen, aber dafür um so lärmenden, Straßenpflegedienst geweckt, der seine Runden dreht, um die Erinnerung an die letzte Nacht zu beseitigen. Für dieses Unterfangen benötigt der kleine Wagen etliche Runden. Wenn man um 08:00 denkt, der Lärm hat endlich ein Ende, so liegt man falsch, denn jetzt tritt die tosende Müllabfuhr ihren Dienst an. Als ich später einen Schritt über die Türschwelle wage, tritt mir unerschrocken der Geruch von Erbrochenem in die Nase und ich blicke in einen leeren Plastikbecher, auf dessen Grund eine Limettenscheibe im letzten billigen Mojito-Schluck traurig ihre Runden dreht - irgendwie tut sie mir Leid und irgendwie fühle ich mich mit ihr verbunden, so wollte sie bestimmt nicht enden: vergessen und allein. Meine Gedanken drehen sich wie mittlerweile fast jeden Tag erneut im Kreis: Hier will ich nicht mehr leben! Durch Corona habe ich allerdings meinen Job verloren, aktuell beziehe ich Arbeitslosengeld II. Für die Bewerbung um eine neue Wohnung muss man einen Gehaltsnachweis von drei Monaten vorweisen können - Zukunftspläne adé. In den Rückmeldungen bedauern die Arbeitgeber ihre Absage und vertrösten mich auf die Zeit nach Corona - wann auch immer das sein soll.

Einst lebte ich gerne hier. Doch das war einmal.
Was ich mir wünsche? Menschlichkeit und Rücksichtnahme.

We´re all in this together.
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Anika Freundlieb

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Autor: Anika Freundlieb

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