Leserbrief zu Neujahr - QR Code Friendly
Sehr geehrte Damen und Herren,
am Baum der guten Vorsätze gibt es viele Blüten, aber wenig Früchte.
Rückblickend ist in den vergangenen Jahren nie eingetreten, was ich mir zum Jahreswechsel vorgenommen hatte.
Das Rauchen beispielsweise habe ich vor 10 Jahren ohne Vorsatz mitten im Jahr aufgegeben, weil mir ein Mediziner bildlich demonstriert hat, wie die Lunge nach einem Raucherleben aussieht.
Im letzten Jahr hatte ich mir zu Silvester vorgenommen, keine Leserbriefe mehr zu verfassen.
Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihren politischen Rückzug angekündigt und auch sonst gab es zum damaligen Zeitpunkt aus meiner Sicht wenige Themen, zu denen man öffentlich Stellung beziehen hätte müssen.
Ich bin ein bescheidener Mensch und bleibe stets geerdet. Aber ich muss einräumen, dass mich die große auch überregionale Resonanz meiner bis vor 2021 noch veröffentlichten Leserbriefe sehr berührt hat.
Sogar ehemalige hochrangige Beamte der Bonner Republik wollten mich kennenlernen.
Jemand sagte einmal zu mir, dass ich scheinbar einen Nerv der Gesellschaft getroffen hätte.
Das Jahr 2022 hat in gesellschaftspolitischer Hinsicht einen gehörigen Strich durch meinen guten Vorsatz gemacht.
Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, wobei die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt.
Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, so wie es die Gründungsväter nach der Nazi-Diktatur geschaffen haben, halte ich für eines der besten weltweit.
Es ist es wert, mit Zähnen und Klauen verteidigt zu werden.
Der gesellschaftspolitische Zustand der Bundesrepublik Deutschland ist nach dem Jahr 2021 desaströs.
Ich bin ein Mensch, der das Glas grundsätzlich eher halbvoll sieht, und ich gebe daher die Hoffnung nicht ganz auf, dass Gesellschaft, Politik und Medien in diesem neuen Jahr zur Besinnung kommen und die charakterliche Größe zeigen, wieder aufeinander zuzugehen.
Ich würde mir wünschen, dass außer dem gesellschaftsspaltenden Thema Corona wieder andere wichtige und ungelöste Themen in den Fokus gerückt werden.
Exemplarisch sei die Energiekrise genannt, die auf unser Land unausweichlich nach Abschaltung aller Kernkraftwerke zukommen wird.
Diese aus meiner Sicht rein machtpolitische Entscheidung im Jahr 2011 wird Frau Merkel auch nach ihrem Rückzug von der Politik noch gehörig auf die Füße fallen.
Ich würde mir auch wünschen, dass die Politik ihre Entscheidungen nicht ausschließlich auf Basis von Experten oder Lobbyisten trifft,  sondern nach sorgfältiger Abwägung auch ihren gesunden Menschenverstand zu Wort kommen lässt.
Im vergangen Jahr habe ich leider einige recht unfreundliche Anrufe von bundesweiten Zeitungsredakteuren erhalten, ich solle, aus für mich fadenscheinigen Gründen, meine Zuschriften künftig einstellen.
Ich möchte an dieser Stelle meine Hochachtung jenen Leserbriefredaktionen zollen, die auch Leserbriefe nahezu ungekürzt veröffentlichen, die nicht unbedingt dem gängigen Mainstream entsprechen und die vor allem Leserbriefzuschriften nicht auf ein Format verkürzen, die bei der Veröffentlichung den eigentlichen Kern nicht mehr wiedergeben.
Entweder ganz oder gar nicht.
Unterschiedliche politische Meinungen und Ansichten, soweit sie sich im demokratischen Spektrum bewegen, sind ausdrücklich erwünscht.
Die Meinungsvielfalt ist ein Grundpfeiler unseres gesellschaftlichen Systems.
Niemand ist im Besitz der ausschließlichen Wahrheit.
Sie nicht mehr ausreichend zu würdigen wäre das Ende der Bundesrepublik, so wie ich sie zeitlebens zu schätzen gelernt habe.
Für das Jahr 2022 nehme ich mir nicht vor, keine Leserbriefe mehr zu schreiben.
Wenn angeblich so nächstenliebende Pfarrer von der Kanzel höchst politische, aber wenig christliche Parolen von sich geben, kann ich leider nicht stillhalten.
Zudem wurde ein Politiker mit den Corona-Wellen hochgespült, bei dem ich mich gefühlt bereits als junger Mensch fragte, was ist das bloß für ein seltsamer Kauz mit seiner Fliege als Markenzeichen?
Von Worten zu Werken ist ein weiter Weg.
Darum nehme ich mir für dieses neue Jahr nichts vor.
Ich fühle mich ohnehin zu schwach für gute Vorsätze.
Mich plagt derzeit eine schwere Grippe. Dieses Relikt vor Corona gibt es tatsächlich noch.
Die Corona-Tests waren übrigens negativ.
Wär ja noch schöner, wo ich doch erst seit wenigen Wochen frisch gegen Corona geimpft bin.
Das wäre ja schon wieder Stoff für einen neuen Leserbrief.
Einen guten Vorsatz habe ich für 2022 dennoch.
Ich werde mit den weltweit berühmtesten Mannequins nichts anfangen.
Ein für mich alles andere als leichtes Vorhaben.
Freundliche Grüße
Alfred Kastner
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Autor: Alfred Kastner

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