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Hilft beten der Ukraine?

Splitter in den Augen anderer

8. Sonntag im Jahreskreis C

P. Eberhard Gemmingen SJ

 

Wir alle sind erschüttert von dem Kriegsausbruch in der Ukraine. Wir sind erschüttert, dass Russland das Nachbarland angegriffen hat und es besetzt. Wir wollen für die Leidenden beten und um den Heiligen Geist für die Verantwortlichen beten. Aber wir fragen uns auch, ob Gebet nützt. Ich möchte dazu nachher eine Antwort versuchen.

In der Lesung und im Evangelium geht es um den Umgang mit den Fehlern Anderer und den eigenen Fehlern. Wie gehen wir mit den Fehlern Anderer um, wie gehen wir mit unseren eigenen Fehlern um.

Lesung aus dem Buch Jesus Sirach, Kap. 27,  4-7

Im Sieb bleibt, wenn man es schüttelt, der Abfall zurück; so entdeckt man den Unrat eines Menschen in seinem Denken. Der Brennofen prüft Töpferware, und die Erprobung des Menschen geschieht in der Auseinandersetzung mit ihm. Den guten Boden eines Baumes bringt seine Frucht zum Vorschein; so das Wort die Gedanken des Herzens.

Lobe keinen Menschen, ehe du nachgedacht hast; denn das ist die Prüfung für jeden!

 

Aus dem Heiligen Evangelium nach Lukas, Kap. 6, 39-45

In seiner Rede vor dem Volk gebrauchte Jesus auch einen Vergleich: „Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt. Denn jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von den Disteln pflückt man keine Feigen und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben. Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund.“

 

Liebe Schwester und Brüder

Angesichts des Krieges von Russland gegen die Ukraine möchte ich zunächst ein paar Worte sagen über die Bedeutung des Gebetes. Wir alle stellen uns ja die Frage: Was nützt unser Gebet, um Blutvergießen zu vermeiden und zu beenden? Ich antworte: Wir sollen und müssen auf jeden Fall beten. Beten hilft. Beten ist ein Zeichen unseres Glaubens, dass Gott das letzte Wort hat. Jesus sagt: Bittet und ihr werdet empfangen, suchet und ihr werdet finden, klopfet an und es wird euch aufgetan werden.

Wie können wir uns vorstellen, dass unser Gebet nicht umsonst ist?

Ich stelle mir den Kosmos in Raum und Zeit wie eine Riesenfülle an Atomen vor, an winzigen geistigen Teilchen. Jedes Gebet, jeder liebevolle Gedanke ist ein positives Teilchen. Jeder böse Gedanke ist ein negatives Teilchen. Jedes Teilchen spielt eine Rolle. Keines ist ohne Wirkung. Jedes Teilchen strahlt positiv oder negativ aus, beeinflusst das Ganze des Kosmos in Zeit und Raum. Das ist der Versuch eines verstehbaren Modells, warum wir allezeit beten sollen und warum das Gebet immer nützlich ist.

Wir wissen ja aus Erfahrung, dass viele unserer Gebete das Ziel, das wir im Auge hatten, nicht erreichten. Wir beteten etwa für die Genesung eines Kranken, und er blieb trotzdem krank, blieb vielleicht lebenslang krank. Wir erreichen oft nicht das Ziel unseres Betens. Nicht etwa, weil wir schlecht gebetet haben, sondern weil Gott ein anderes Ziel hatte. Wir kennen es nicht. Wir können und müssen nur vertrauen, dass Gott das Gute will und schon weiß, warum dies oder jenes Unglück passierte. Er fügt alles, was geschieht, was die Menschen in ihrem Denken und Beten als Ziele verfolgen so zusammen, dass es seinen Zielen dient; und diese Ziele sind das Heil aller. Das nennt man Vorsehung.

Also bitte: Glauben wir daran, dass unser Gebet für den Frieden in der Ukraine nicht umsonst ist. Legen wir unsere Hände in Gottes Hände und bitten ihn verzweifelt um Hilfe. Vor allem empfehle ich die Bitte um den heiligen Geist für die Verantwortlichen, für Wladimir Putin, für seine Berater, für die westlichen Politiker.  Und fragen wir uns, welche westlichen Einstellungen vielleicht den Überfall auf die Ukraine erleichtert haben. Waren wir im Westen zu sehr nur auf unser eigenes wirtschaftliches und politisches Wohl aus? Wenn wir weise, gebildete Erdenbürger sind, müssen wir immer an das Wohl aller Bewohner der Erde denken. Auch wenn wir das Elend Afrikas verdrängen, werden wir schuldig. Wer weiß, ob es eines Tages zurückschlägt. Angesagt sind immer Denken und Beten. Denken wir genug? Beten wir genug?

Jetzt ist Zeit des Betens voll Vertrauen, dass es das Wunder des Gebetes gibt.

Und nun noch ein paar Gedanken zum heutigen Evangelium. In ihm haben wir auch den Satz gehört: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge beachtest du nicht?“

Ich denke dabei an die schrecklichen Splitter des sexuellen Missbrauchs in den Augen unserer Brüder. Ja – wir müssen nach ihnen suchen, sie aufdecken, die Sünder zur Busse auffordern, sie zur Umkehr geleiten. Aber sehen wir auch die Balken in unseren eigenen Augen? Wir sind in einem Dilemma oder in einer besonderen Herausforderung.

Einerseits müssen wir alle mithelfen, die Sünden von Priestern und Bischöfen aufzudecken und so den Opfern zu helfen. Aber wehe wenn wir selbstgerecht sind und so tun als wären wir sündelos! Es ist ein Drahtseilakt. Wenn wir kämpfen gegen die Sünden des sexuellen Missbrauchs von Priestern, besteht die Gefahr, dass wir meinen, wir seien sündelos oder überlegen. Wenn wir aber nicht kämpfen gegen die Aufdeckung machen wir uns auch schuldig. Für diese Aufdeckung brauchen wir eigentlich ein reines Herz, um in der richtigen Weise gegen die Sünde und für ihre Aufdeckung zu kämpfen. Haben wir ein reines Herz? Kehren wir auch und zuerst vor der eigenen Tür?

Wenn wir dann aber primär vor der eigenen Tür kehren, wird uns vielleicht vorgeworfen, wir kümmerten uns zu wenig um die Opfer des sexuellen Missbrauchs.

Wahrscheinlich wird es immer jemanden geben, der unser Tun kritisiert. Wahrscheinlich wird es immer andere geben, die unser Tun für falsch hält. Vermutlich muss jeder von uns, seinen eigenen Weg gehen. Wegschauen ist nicht gut, aber Hinschauen ohne Rückblick auf sich selbst ist auch gefährlich. Wir brauchen den Blick Jesu. Ihm war die Sünde nicht gleichgültig. Aber der Sünder war ihm noch wichtiger. Wichtig war ihm das Umdenken. Ihm waren vor allem die Kleinen wichtig, die Kinder, denen wir Ärgernis geben. Jesus sagt: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals hängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. Wehe der Welt wegen der Ärgernisse!“ (Math. 18.6.) Wenn wir Jesus folgen wollen, müssen wir sehr aufmerksam hinhören. Manchmal mehr schweigen, als diskutieren.

Es ist sehr leicht, die Fehler und Sünden von Kirchenführern zu sehen. Sehen sollten wir aber vor allem Jugendliche und Kinder, die das Evangelium vielleicht liebend aufnähmen, wenn wir es ihnen aus ganzem Herzen und überzeugt vorleben und vortragen. Kirchenaustritte hängen nicht nur von den Sünden der Priester und Bischöfen ab, sondern auch vom Verhalten der Mitchristen. Mitchristen können überzeugen und mitreißen. Mitchristen können auch abstoßen. Wehe wenn wir nur die Defekte der Anderen sehen, die eigenen Defekte aber nicht. Leben wir so, dass wir zum Glauben mitreißen. Amen

 

Fürbitten

 

Herr Jesus Christus, wir bitten dich für die Menschen in der Ukraine. Denke an die Menschen in Kellern, in U-Bahnhöfen, in Autos auf der Flucht. Rette sie in ihrer Angst und in ihrer Not. Gib ihnen Schutz in einer Unterkunft und rette ihr Leben. Christus höre uns

 

Herr Jesus Christus, wir bitten dich für die politisch Verantwortlichen. Gib ihnen Deinen heiligen Geist, dass sie nicht nur an ihre Macht denken, sondern an das Leid der Menschen, die sie bedrohen und töten. Christus höre uns

 

Herr Jesus Christus, wir bitten dich für die ganze Weltgemeinschaft. Lass sie erkennen, dass Krieg immer die schlechteste Lösung ist. Gib ihr die Gnade, für Gerechtigkeit zu kämpfen, damit es keine Konflikte mehr gibt. Christus höre uns

 

Herr Jesus Christus, wir bitten dich für alle Menschen, die in diesem Augenblick mit dem Tode ringen. Steh ihnen bei, schenke ihnen deinen heiligen Geist, damit sie an deine göttlichen Arme denken, in die sie fallen werden. Christus höre uns

 

 

P. Eberhard Gemmingen SJ

Im Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit

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