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Der Mensch ist nicht autonom, sondern sich selbst vorgegeben

„Mann oder Frau – jeder muss das selbst entscheiden“ – So die Überschrift eines Artikels der Süddeutschen Zeitung am 24. Februar 2022.

Kann diese These richtig sein? - Viele Fragen des Rechts und der Ethik, die uns heute umtreiben, sind nur richtig zu beantworten, wenn wir daran denken: Der Mensch ist nicht autonom, er ist sich vielmehr vorgegeben! Ich meine damit die Tatsache, dass wir die grundlegenden Dinge unseres Daseins nicht gewählt haben, sondern vorfinden: Wir haben nicht entschieden, dass wir geboren werden. Wir haben nicht entschieden, in welcher Familie, welchem Land, welcher Zeit, welcher Hautfarbe wir geboren werden. Wir haben nicht entschieden, mit welchen Geschlechtsmerkmalen wir geboren werden. Wir finden uns vor. Die Existenzialisten haben es formuliert: Wir sind ins Leben geworfen – wir wurden nicht danach gefragt, ob wir leben wollten oder nicht.

Nur wenn wir diese Nicht-Autonomie anerkennen und annehmen, können wir sachlich richtig auf viele Fragen antworten. Es geht unter anderem um die diese Fragen: Geburtenplanung, Sterbehilfe, Homosexualität.

Um auf einige heutige Fragen einzugehen: Der Mensch kommt dadurch zum Leben, dass der Samen eines Mannes auf das Ei einer Frau trifft, dass eine Frau mit einem Mann Geschlechtsverkehr hat, dass sie ein Kind zeugen. Die Menschheit lebt durch viele Geburten von Generation zu Generation. Diese Tatsache einer einfachen naturwissenschaftliche Gegebenheit wird von der jüdisch-christlichen Bibel mit diesen Worten ausgedrückt: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, als Mann und Frau schuf er sie“. Und er gebot ihnen: „Wachset und mehret euch“. Das ist die grundlegende Gegebenheit – nicht einer Religion, sondern der Natur.

Damit ist noch kein moralisches Urteil über Menschen gefällt, die sich homosexuell fühlen und leben. Aber die Menschheit wird nur sinnvoll mit Homosexualität umgehen können, wenn sie von der Vorgegebenheit der Heterosexualität ausgeht. Ohne Heterosexualität kein Fortleben der Menschheit.

Hat das Menschenleben einen Sinn, eine Zielsetzung? Ist der Mensch mit einem Auftrag in die Welt gekommen? Wenn der Mensch davon ausgeht, dass er nur durch Zufall entstanden ist, dass sich Ei- und Samenzellen seiner Eltern nur durch Zufall gefunden haben, dass also kein „höherer Geist“ ihn gewollt hat, dann wird er sich im Fall von Leiden schwertun, sein Leben anzunehmen. Wenn er davon ausgeht, dass ein „höherer Geist“ ihn gewollt hat, dann wird er sich vermutlich leichter tun, sein Leben auch in schweren Lagen anzunehmen. Ich spreche jetzt von einem „höheren Geist“, gemeint ist damit Gott.

Viele ethisch-moralischen Probleme heute entstehen dadurch, dass die Menschheit seit der technischen Revolution den Eindruck hat, sie selbst könne im Grunde alles autonom bestimmen – und das ist ein Irrtum. Solange sie diesem Irrtum verfällt, wird sie sich gleichsam im Kreise drehen. Nur wenn dieser Grundirrtum eingesehen wird, und die Menschen ihre Vorgegebenheiten annehmen, können sie ethische Fragen richtig beantworten.

Zur Frage des Suizids: Wenn der Mensch davon ausgeht, dass er kein reines Zufallsprodukt ist aus dem Verschmelzen von Ei- und Samenzelle, sondern der Mensch von einem „höheren Geist“ gewollt ist, dann stellt sich die Frage nach dem Suizid anders. Dann wird der Mensch sich fragen: Kann und darf ich mein Leben beenden, obwohl ich es mir gar nicht selbst gegeben, mich nicht selbst für das Leben entschieden habe?

Zur Frage der Zeugung: Wenn ein Mann und eine Frau wissen, dass sie durch den Geschlechtsakt einem neuen Menschen Leben schenken können, der dann ein Schicksal zu tragen hat, erhält der Geschlechtsakt einen anderen und neuen Akzent. Er wird ein verantworteter, schöpferischer Akt.

Zur Homosexualität: Wenn ein Mensch erkennt, dass er sexuell von einem Menschen des gleichen Geschlechtes angezogen wird, muss er das annehmen. Vielleicht wird er damit ringen, weil die Mehrheit der Menschen anders gepolt ist. Und die heterosexuelle Mehrheit muss den homosexuell orientierten Menschen ebenso annehmen. Auch er ist – nach dem christlichen Glauben – ein Bild Gottes. Aber die heterosexuelle Mehrheit und die homosexuelle Minderheit wird miteinander ringen müssen, sich gegenseitig anzunehmen. Und die heterosexuellen Menschen werden nicht leugnen können, dass die Menschheit besteht durch die sexuelle Begegnung eines Mannes mit einer Frau.

Menschsein ist eine Aufgabe. Der Mensch ist keine Maschine, sondern ein Wesen, dass sich zu sich selbst verhalten kann und muss. Wenn der Mensch wirklicher Mensch sein will, muss er sich frei verhalten – im Annehmen und Gestalten. Der Mensch kann sich nicht machen. Er muss lebenslang annehmen, dass er nicht autonom ist, sondern sich selbst als Aufgabe vorgegeben und gegeben ist.

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Der Krieg Russlands gegen die Ukraine kann ein Denkanstoß sein

Der Krieg ist wohl die Folge mehrerer langfristiger politischer Fehleinschätzungen. Das haben mehrere herausragende Politiker schon festgestellt.

Ich möchte die Fragen stellen, ob hinter den politischen Fehleinschätzungen nicht auch sonstige grundlegendere Fehleinschätzungen der westlichen Welt liegen.

Meine These: Wir Menschen neigen von unserer Natur her nicht einfach zum Guten, sondern müssen um das Gute ringen.

Christlich spricht man in diesem Zusammenhang von „Erbsünde“. Durch die vielen Friedens- und Wohlstandsjahre bekamen viele von uns den Eindruck, dass wir immer weniger Polizei, weniger Militär, weniger Kontrolle brauchen. Jeder Mensch weiß schon, was er tun und lassen darf. Wir gingen davon aus, dass die große Mehrheit der Menschen einfach gut ist. Aber: Alle Menschen müssen in ihrer Jugend zu sozialem Leben erzogen werden. Wenn sie nicht erzogen werden, werden sie gefährliche Bürger. Und sie brauchen Strafmaßnahmen für den Fall des Fehlverhaltens.

In der Politik heißt das: Völker leben nicht einfach friedlich nebeneinander, wenn man sie nur leben lässt. Ohne Rechts- und Strafordnung gelingt friedliches Zusammenleben der Völker nicht. Leider hat der Mensch eine gewisse Aggression im Blut.

Die lange Friedensordnung nach dem zweiten Weltkrieg hat die westliche Welt ein wenig blind gemacht gegenüber Konflikten, die aufgrund der menschlichen Natur nahe liegen.

Viele große Politiker haben nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine erklärt: Wir haben uns über Russland getäuscht. Wir könnten ausweiten: Wir haben uns über die Realität von Staatskonflikten getäuscht. Wir wollten in Ruhe gelassen werden.

Schlussfolgerung: Es gilt das alte Wort der Römer: „Si vis pacem – para bellum“, zu Deutsch „Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“. Richtig müsste man sagen: „Wenn du Frieden willst, bereite dich auf Verteidigung vor“.

Denn leider ist das „Normale“ der Konflikt zwischen Menschen und Staaten. Frieden entsteht nicht von selbst, sondern nur durch Bemühung: Durch Warenaustausch und Waffenbereithaltung. Denn der Mensch ist – leider – nicht einfach gut, sondern konfliktanfällig.

 

Eine einseitige Vorstellung von Freiheit:

Ich erlaube mir die Vermutung, dass für viele Bürger in demokratischen Staaten die Freiheit darin besteht, dass sie - im Rahmen der Gesetze - sich so verhalten können wie sie es für richtig befinden. Ich erlaube mir die These, dass diese Auffassung nur zur Hälfte richtig ist. Der Bürger darf nicht nur Freiheit genießen, sondern muss sie auch begrenzen. Daher hat der demokratische Bürger auch die strenge Verpflichtung, die Rechtsordnung gut zu kennen, die Folgen seines eigenen freien Tuns zu bedenken, an der Gestaltung des Gemeinwohls aktiv und gut gebildet teilzunehmen. Er darf nicht nur „passiver“ Nutznießer der Freiheitsrechte sein, sondern muss „aktiver“ und gut informierter Mitgestalter des Gemeinwesens sein. Demokratie kostet Anstrengung. Man darf sie nicht den Berufspolitikern überlassen. Jeder Wähler in der Demokratie hat Verantwortung.

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Und schließlich: Nützt das Gebet gegen Krieg?

Viele Menschen haben sehr bald begonnen, für die Menschen in der Ukraine und für den Frieden zu beten. Doch nach einer Weile fragen sie sich, ob das etwas nützt.

Meine Antwort: Die Frage des Nutzens ist nicht sinnvoll und zielführend. Wir sollten fragen, ob das Gebet einen Sinn hat oder ob es sinnlos ist.

Ich behaupte: Es ist sinnvoll, auch wenn es nicht den von uns erwünschten Nutzen bringt.

Wenn wir an Jesus Christus glauben, sollen wir seiner Aufforderung folgen: Bittet und ihr werdet empfangen, suchet und ihr werdet finden, klopfet an und es wird euch aufgetan werden. Wir können nicht behaupten, an ihn zu glauben und diese seine Worte nicht ernst nehmen.

Karl Rahner hat einmal gesagt: „Glauben bedeutet: die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten“. Wir verstehen das Tun und Zulassen Gottes nicht, wir schauen ihm nicht in die Karten. Aber wenn wir Gott fallen lassen, lösen wir auch kein Problem. Solange wir an den Sinn unseres Betens glauben, hat unser Leben einen Sinn.

 

 

P. Eberhard Gemmingen SJ

Im Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit

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Pater Eberhard v. Gemmingen SJ
Autor: Pater Eberhard v. Gemmingen SJ

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Kommentare  
# Freiheit und VerantwortungDieter Heußner 2022-04-11 22:59
Vielen Dank für Ihren Beitrag! Sie beleuchten das Verhalten der Menschen und stellen zu Recht Forderungen auf (z.B. Freiheit darf man nicht nur genießen, man muss sie auch für sich selbst begrenzen. In geläufiger Kurzfassung: Freiheit ist immer die Freiheit des Anderen).

Westliche Politiker behaupten, dass jedes Land selbst bestimmen soll, welches Gesellschaftssystem es haben und welchen Bündnissen es beitreten möchte. Diese Haltung entspräche der Auffassung eines einzelnen Menschen, der meint, alles tun und lassen zu dürfen. Aber Freiheit ist zu begrenzen (siehe Ihr Beitrag).

Im konkreten Konfliktfall wäre es für den Frieden und vor allem die Sicherheit Europas erheblich besser gewesen, hätte man der Forderung Russlands nach sicheren (West-)Grenzen stattgegeben. Das wäre die Begrenzung der eigenen Freiheit - zum Wohle unseres Kontinents!

Damit ich nicht missverstanden werde: weder befürworte ich den Krieg noch stehe ich einer der beiden Konfliktparteien nahe. Ich rede keinem Diktat Russlands das Wort, sondern alleine der Sicherheit unseres Kontinents.

Bereits in den 1970er Jahren ab es die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa).

Ist in diesem Begriff die Rede von Demokratie, Freiheit, Selbstverwirklichung? Nein. Hauptthema sind Sicherheit und Zusammenarbeit. Warum wohl?

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