Leid(en) wegen Ignoranz - QR Code Friendly

Die Menschheit schafft sich ab, seit rund 20 Jahren sinkt der durchschnittliche IQ der Weltbevölkerung, Neil Postman schrieb schon 1988: „Wir informieren uns zu Tode“, das Buch von Manfred Spitzer: „Digitale Demenz“ wurde 2012 publiziert – was bewirken, was nützen uns diese und andere Zustandsbeschreibungen? Sind wir Menschen (geistig) überfordert? Noch nie gab es so viele Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Psychiaterinnen und Psychiater sowie andere Helferinnen und Helfer - und doch steigt und steigt weltweit die Zahl der Suizide, ebenso die Zahl der Kriege und darin Getöteten. Und welches Lebewesen ist so dumm, dass es seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört – nur wir Menschen. Dabei will doch jedes Individuum zufrieden und glücklich sowie in Frieden leben. Weshalb klappt das nicht? Und welchen Einsichten und Handlungen bedarf es, damit es allen auf diesem Planeten besser geht?

Die Ignoranz von Fakten, Tatsachen die dem Beweis zugänglich sind, scheint mir die wichtigste Ursache für unser individuelles und kollektives Leid(en) zu sein, gefolgt von der Inkonsequenz nicht den Erkenntnissen entsprechend zu handeln. Artur Janov, der Erfinder der Primärtherapie, schrieb 1970, dass wir alle mehr oder weniger neurotisch seien und deshalb leiden würden. Bezüglich der Ursache sprach er von katastrophalen frühkindlichen Erfahrungen und Erlebnissen, die er als Urschmerz (Primal Pain) bezeichnete. Heute spricht und schreibt zum Beispiel Franz Ruppert von frühkindlichen Psychotraumata und therapiert Betroffene (https://youtube.com/watch?v=MK3t6lw4wuI). Mütter, Väter und andere Betreuende wurden nicht ausgebildet, haben keine tatsachengestützten Kenntnisse von den Bedürfnissen der Neugeborenen, Säuglinge und Kleinkinder. Es gibt keinen „Eltern-Führerschein“, sie wissen nicht was sie tun (sollten), deshalb kann von Schuld keine Rede sein. Noch viel weniger vernünftig ist es wenn leidenden Menschen die Verantwortung für ihr So-sein in die Schuhe geschoben wird: „Du könntest schon, du willst bloß nicht“, ist ein vollkommen törichter Satz, denn niemand entscheidet sich absichtlich, aus freiem Willen für sein Leid(en).

Wenn wir glücklicher und zufriedener werden möchten, wenn wir in Frieden leben wollen, dann bleibt uns nichts übrig als den tatsächlichen Ursachen auf den Grund zu gehen und Konsequenzen daraus zu ziehen. Die erbärmlichen Lebensgeschichten von Diktatoren sprechen Bände, es wurden große Mengen von Büchern dazu publiziert. Vor Jugendrichterinnen und -richtern tauchen so gut wie nie Delinquentinnen oder Delinquenten auf, die eine auch nur in etwa zufriedenstellende oder gar wirklich liebevolle Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht haben. Von einigen, ganz wenigen Ausnahmen abgesehen gilt das auch bei straffälligen Erwachsenen. Es ist zudem sehr, sehr selten zu sehen, dass Alkohol- oder andere Drogenkranke eine wenigstens einigermaßen erträgliche Kindheit hatten. Oft wird ein späteres Ereignis, etwa eine missglückte Paarbeziehung, beispielsweise für eine Alkoholabhängigkeit verantwortlich gemacht, obwohl diese Trennung häufig eine Re-Traumatisierung darstellt und die Wurzeln des Übels in frühen Störungen liegen.

Mir ist völlig unverständlich, dass die Fakten, dem Beweis zugängliche Tatsachen, ignoriert werden. Ganz besonders töricht erscheint mir der landläufige Satz: „Man kann doch nicht alles auf die Kindheit schieben.“ Erstens geht es nicht um „alles“ und zweitens spricht es für groben Unverstand, wenn nachweisliche Tatsachen, wenn Fakten, geleugnet werden, welche der empirischen Wahrheit entsprechen. Statt Ursachen weiter und noch tiefer zu erforschen, Tatsachen anzuerkennen und Probleme abzustellen oder wenigstens den Versuch zu Verbesserungen zu unternehmen, wird wenig oder nichts unternommen. Und das obwohl die Folgen von frühkindlichen Störungen bereits gut untersucht und dokumentiert wurden.

Schon von Friedrich II. wird berichtet, dass alle Kinder, die bei seinem Versuch die Ursprache zu finden und dabei emotional vernachlässigt wurden, gestorben sind. Das ist rund 850 Jahre her. Wie viel Zeit und Verstand bedarf es denn noch, um die enorme Bedeutung positiver emotionaler Zuwendung im Neugeborenen- und Säuglingsalter zu begreifen? Und weshalb werden Neugeborene und Säuglinge heutzutage in Fremdbetreuung gegeben?

Glücklicherweise können wir auch auf zahlreiche jüngere Forschungsergebnisse zurückgreifen. Beispielsweise hat der schweizer Forscher Adolf Portmann (Biologe) nachgewiesen, dass Menschen im Vergleich zu anderen höher entwickelten Säugern, wie etwa Menschenaffen (Primaten), extrem unfertig auf die Welt kommen, dass wir völlig hilflose Frühgeburten sind und viel, viel mehr Zeit benötigen bis wir unsere absolute Hilflosigkeit verlieren (Portmann: „Entlässt die Natur den Menschen?“, Piper Verlag, 2. Auflage, 1971, S. 190 ff.). An der biologischen Tatsache, dass wir lange Zeit völlig von anderen Menschen abhängig sind, dass wir auch noch im Alter von einem oder mehr Jahren sterben, wenn sich niemand um uns kümmert, daran kann doch kein mit Vernunft begabter Mensch zweifeln. Jedes neugeborene Kind, jeder Säugling leidet bei Unaufmerksamkeit und Nachlässigkeit unter Todesängsten, die nur durch unverzügliche, liebevolle Reaktionen kompensiert werden können.

Mir ist bis heute unverständlich, weshalb aus biologischen Fakten, aus offen sichtbaren Tatsachen, aus empirischer Wahrheit nicht die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden. Statt Mütter und Kinder ins Zentrum des Interesses unseres Gemeinwesens zu stellen, wird der Fokus auf Macht und Wirtschaft ausgerichtet. Es war und ist abzusehen, dass diese Fehleinstellung zu einem Desaster nach dem anderen führt, beziehungsweise bereits zu etlichen Desastern geführt hat, wie die Geschichte beweist. Wenn sich diese Ignoranz der natürlichen Bedürfnisse von Menschenkindern fortsetzt, dann wird sich die Menschheit notwendigerweise selbst abschaffen. Denn psychisch kranke Menschen können kaum glücklich und zufrieden sein und in Frieden leben. So haben etwa Volker E. Pilgrim und Sven Fuchs, um nur zwei Autoren von vielen zu nennen, auf die politischen Folgen von traumatischen Kindheitserfahrungen hingewiesen (https://tagesspiegel.de/kultur/erziehung-und-gewalt-sind-diktatoren-auch-das-produkt-einer-traumatischen-kindheit/24411064.html).

"Ein weitverbreitetes Problem bei Diktatoren und anderen Fieslingen: eine traumatische Kindheit. Saddam Husseins Mutter wollte ihn abtreiben, weil der Vater gestorben war. Als das scheiterte, versuchte sie Selbstmord – klappte auch nicht. Dann verstieß sie Baby Saddam. Der Junge wuchs auf bei seinem Stiefvater, der ihn misshandelte", so der Psychologe Jerrold M. Post, der jahrelang die psychische Verfassung von Diktatoren wie Saddam Hussein und Terroristen wie Osama Bin Laden untersuchte https://stern.de/politik/ausland/ex-cia-psychologe—traumatische-kindheit-bei-diktatoren-ein-weitverbreitetes-problem--3546658.html). Wie bereits gesagt: Bei Delinquenten aller Art, bei der weit überwiegenden Mehrzahl von Alkohol- und anderen Drogenabhängigen sowie bei den meisten psychisch Leidenden sind Störungen in der Kindheit nachzuweisen. Natürlich können diese Menschen für ihr aktuelles So-sein nicht verantwortlich gemacht werden, sie waren ja Opfer, nicht Täter - und die Therapien früh erlebter Traumata helfen oft wenig, manchmal gar nicht.

Weshalb bei dieser Faktenlage nicht entsprechend reagiert und Abhilfe geschaffen wird ist schwer verständlich. Vielleicht liegt es daran, dass es Kräfte gibt, die keine glücklichen und keine zufriedenen Menschen haben wollen? Vermutlich kann man glücklichen und zufriedenen Menschen weniger Produkte verkaufen. Womöglich ist es auch schwieriger Bedürfnisse zu wecken, wenn jemand glücklich und zufrieden ist? Und glücklichen, friedfertigen Menschen wird man wahrscheinlich auch schwerer Waffen verkaufen können. Die Ignoranz von Tatsachen ist jedenfalls auffällig. Zudem wäre es recht einfach Mütter und Kinder in den Mittelpunkt politischer Handlungen zu stellen. Statt dessen haben Mütter und Kinder bei uns (zivilisierten) Menschen nicht einmal den Stellenwert, den sie in der Gemeinschaft von höher entwickelten Primaten haben. Wenn wir unsere Werte nicht unverzüglich ändern wird es dabei bleiben, dass der allergrößte Teil der Menschheit im Wesentlichen unglücklich und unzufrieden leben muss und leidet. Psychiaterinnen und Psychiater, Psychotherapeutinnen und -therapeuten, andere Helferinnen und Helfer sowie pharmazeutische Betriebe profitieren enorm von dieser Situation. Und das sind bei weitem nicht die einzigen Profiteure von Gesellschaften mit unglücklichen und unzufriedenen Menschen. Weshalb lassen wir das zu? Neben etlichen anderen Geistesgrößen bemerkte auch Albert Einstein: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." Es liegt an uns: Wir müssen uns wehren.

Jörg Stimpfig

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Autor: Joerg Stimpfig

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