76 Jahre ist das her... - QR Code Friendly
An Zeitungsredaktionen:

76 jahre ist das her. Trauen sie sich, solch eine Geschichte abzudrucken?
Nein, natürlich nicht?

Ich laß Ihnen freie Hand. Aber ich will nicht schweigen.

In Syrien wird gebombt. Die Russen bomben. Die Amerikaner bomben. Die Deutschen liefern Waffen ohne Ende. Über Scheinfirmen oder Zwischenhändler in Südafrika zum Beispiel.

Aber bei uns sind solche Geschichten für Jugendliche unerträglich (Zit aus einer christlichen Gemeinde in Bramsche!)

Lesen Sie die Geschichte wenigstens selbst. Sie tut auch ahnungslosen Journalisten gut.
Und geben sie sie anderen weiter.

Mit freundlichen Grüßen.

Dr. med. Christoph Hilsberg

Dr. Christoph Hilsberg

Aus dem Buch: Zwischen Licht und Finsternis

Auf den Spuren eines Kindes in der Kriegs- und Nachkriegszeit 1934-53

Satanische Muster eines geadelten Marschalls:

Dresden. Die Nacht vom 13. zum 14 Februar 1945 übertraf alles, was man sich bis dahin an Grauen vorzustellen vermochte. Dresden war zur Lazarettstadt erklärt. Nach den Genfer Konventionen durfte es also nicht angegriffen werden. Wir hatten Verwandte dort. In Loschwitz. Mutter war auf die Idee gekommen, einige unserer wichtigsten Habseligkeiten zu diesen Verwandten zu schaffen in der Hoffnung, dass sie dort in der Lazarettstadt sicherer verwahrt seien als in Görlitz und somit einiges würde gerettet werden können. Wir gelangten auf ziemlich abenteuerliche Weise mit der Bahn am Vormittag des 13.Februar in diese Stadt. Sie galt zu Recht als eine der schönsten der Welt, als „Elbflorenz“, eine Kulturstätte ersten Ranges. Wir genossen am Tage die vollkommen erhaltene Stadt und freuten uns über die vielen schönen Häuser und Bauten. Eine intakte City war inzwischen kaum noch vorstellbar: Nichts war zerstört. Elbufer, Brühlsche Terrassen, Schloss und Schlosskirche, Kreuzkirche des berühmten Knabenchores, Semperoper, Zwinger, Frauenkirche und und und. Wir fuhren mit der Straßenbahn durch Dresden nach Loschwitz am anderen Elbufer zu den Verwandten. Die gewaltige Stahlbrücke über die Elbe, bekannt als das „Blaue Wunder“, imponierte mir besonders. Die Verwandten hatten absolut keinen Platz mehr für uns, nahmen aber unser Gepäck auf. Die Stadt war total überfüllt. Ihr Haus natürlich auch. Bereits auf dem Hauptbahnhof hatten wir erlebt, wie Tausende, Zigtausende von Menschen in den Bahnsteigunterführungen kampierten, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Es gab vor Menschenmassen kaum ein Durchkommen. Unendliche Trecks aus Ober- und Niederschlesien vor den Russen flüchtender Menschen, die mit Sack und Pack, mit Handwagen und manche vom Lande sogar mit Pferdefuhrwerken auf Wanderschaft gegangen waren, hatten in der Lazarettstadt Schutz gesucht. Tausende, zehntausende, hunderttausende: Niemand konnte und kann wissen, wie viele es gewesen sein mögen. Eine Stadt, überfüllt wie vergleichbar Jahrzehnte später Berlin unmittelbar nach dem Mauerfall. Die Pferde dieser Trecks waren nur noch jämmerliche Klepper, da die guten längst von der Wehrmacht beschlagnahmt waren. Pferde benötigen keinen Sprit. Unterwegs mussten aber auch Tiere ernährt werden. Nicht nur die Menschen waren halb verhungert. Nobody knows, wie viele Menschen es wirklich gewesen sein könnten. Daher schwankten später auch die Zahlen darüber, wie viele Menschen in dieser Nacht den Tod gefunden haben mochten. Zwischen Dreißig- und Dreihunderttausend differieren die Angaben. 30.000, neuerdings sogar reduziert auf 25.000, scheint zu stark geschönt, um das Ausmaß dieses sinnlosen Massenmordes an fliehenden Zivilisten, fast ausschließlich Greise, Frauen und Kinder aller Altersstufen, herunter zu spielen. Unglaublich, wie jetzt junge Historiker, die nichts miterlebt und gesehen haben, sich anmaßen, geschätzte Zahlen an Ermordeten als „reell“ zu veröffentlichen. Dresden war total überfüllt. Verlässliche Unterlagen darüber gibt es natürlich nicht. Kann es gar nicht geben. Aber „Historiker“ können sie wissenschaftlich absichern. Dummheit kennt wohl auch bei ihnen keine Grenzen…

Natürlich sind auch andere Städte wie Pforzheim, Hamburg, Berlin und viele andere mit Bombenteppichen „platt gemacht“ worden. Jede für sich eine Katastrophe, ein Massenmord. Warum Dresden besonders hervorgehoben wird, liegt in der bereits genannten Tatsache, dass es zur Lazarettstadt erklärt war, eigentlich nicht angegriffen werden durfte und sich genau deshalb so unendlich viele Menschen auf ihrer Flucht vor den Russen aus Schlesien und anderen östlichen Provinzen dorthin geflüchtet hatten. Außerdem wurde Dresden im Gegensatz zu den genannten Städten in drei Angriffen innerhalb nur 14 Stunden total zerstört. Durchaus vergleichbar Hiroshima oder Nagasaki. Niemand war in dieser Situation auch nur annähernd in der Lage, die Zahl der Menschen, die sich in der Stadt befanden, auch nur im Geringsten einzuschätzen. In den Unterführungen des Bahnhofs war kein Platz mehr zu erhalten. Auch wir hatten keine Bleibe. Es schien wie ein Wunder: Ein netter Mann in einem Hotel nahe dem Bahnhof wollte mir, dem kleinen Jungen, noch eine Liege anbieten. Mutter redete mir zu. Ich lehnte es vehement ab. Schließlich hatte Mutter auch mich nur deshalb nach Dresden mitgenommen, weil wir uns in dieser Zeit größter Unsicherheit möglichst nicht mehr trennen wollten und sollten. Niemand wusste, was die nächsten Stunden und Tage bringen würden. Gott sei Dank gab Mutter nach. Es wäre unser sicheres Ende gewesen, hätte sie es nicht getan und wir wären in diesem Hotel geblieben. Um den Bahnhof herum soll wenige Stunden später nichts und niemand mehr überlebt haben. Wir fanden nach langem Hin und Her noch einen Platz in einer der großen Messehallen im „Großen Garten“, einem weitläufigem Park inmitten der Stadt. Man hatte sämtliche Hallen in riesige Flüchtlingslager verwandelt. Strohmatratze an Strohmatratze bedeckte die Böden, jede meist mit mehreren Menschen belegt. Hunderte in einer Halle. Gestapelt wie Heringe in einer Tonne. Viele waren erschöpft am Ende ihrer Kräfte. Zum ersten Mal in meinem Leben erfuhr ich, wie zu Tode erschöpfte Menschen aussahen. Wir ahnten alle nicht, was uns wenige Stunden später erwartete. Zu Mutters Entsetzen trafen wir in dem Lager auch noch die über achtzigjährige Tante Gertrud aus Liegnitz, eine Schwester meines Großvaters, die kurz zuvor auf der Flucht von Schlesien mit ihrer Freundin in Görlitz bei uns übernachtet hatte und weiter Richtung Westen unterwegs war. In der wunderschönen Stadt Dresden war sie hängen geblieben und fühlte sich dort in der Lazarettstadt sicher. Weit gefehlt.

Ein ‚Goldfasan’ erschien in der Halle. „Feindliche Fliegerverbände sind im Anflug. Bitte begeben Sie sich umgehend in die Kellerräume.“ Von Berlin hatten wir kurz zuvor furchtbare Nachrichten über die neue Qualität der sog. Terrorangriffe gehört, die sich ausschließlich gegen Zivilisten richteten, um die Widerstandskraft des Volkes zu brechen. Zuvor war wohl selbst den Amerikanern und Engländern bewusst geworden, dass sie es mit ihren Luftangriffen lediglich geschafft hatten, die Bevölkerung in die Solidarität zum Nazisystem gegenüber dem Horror solch furchtbarer Feinde zu bomben. Man war dazu übergegangen, Quadratkilometer für Quadratkilometer der Städte systematisch mit Bombenteppichen platt zu machen mit allem, was darin stand und atmete.

Die Menschen in „unserem“ Flüchtlingslager reagierten kaum auf den Ruf des SA-Mannes. Sie waren zu erschöpft. Außerdem wussten alle, dass Dresden zur Lazarettstadt erklärt war. Es konnte dort doch nichts geschehen. Und wenn schon! Dann war’s auch nicht zu ändern. Wer total erschöpft ist, wird lethargisch. Der Goldfasan in seiner braunen Parteiuniform wurde nachdrücklicher. Dieser dicke Mann ist mir aus irgendeinem Grund sehr genau in Erinnerung. Auch hier wieder: Was merkt man sich und warum?

Es fällt mir schwer, zu berichten, was in den folgenden Stunden geschah, nicht nur wegen der grausamen Szenen, die ich gar nicht erst versuchen will, halbwegs realistisch zu schildern. Sondern wegen der persönlichen Fragen, die sich mir im Nachhinein auftaten und sich mir bis auf den heutigen Tag stellen. Es hat mit dem „Licht in der Finsternis“ (Zit) zu tun. Hunderte, wahrscheinlich eher Tausende von Menschen quollen in die ausgedehnten Kellerräume. Ein Raum hinter dem anderen. Immer tiefer hinein, bis es nicht mehr weiterging vor Masse Mensch. Wir hockten schließlich dicht gedrängt auf dem Fußboden, mitten in einem weitläufigen Raum. Über uns eine große Lampe. Ringförmig aus Metall, wie ein an die Decke geklebter Kronleuchter. Die ersten Erschütterungen wurden fühlbar! Doch Bomben! Von tiefem Schweigen gefolgt. Ja, Schweigen kann laut sein und einen erbeben lassen. Das Licht war sofort weg. Taschenlampen und Kerzen leuchteten auf. Jeder halbwegs intakte Mensch hatte so etwas bei sich, damals. Kein Zweifel: Bombeneinschläge. Bereits ein Zehnjähriger hatte inzwischen in Berlin gelernt, den Kaliber von Bomben an den Erschütterungen einzuschätzen. Diese hier konnten nicht allzu schwer sein. Oder sie waren noch weit weg. Die erloschene Lampe klirrte leise. Aber über uns.

Laß uns von dieser Lampe wegrücken.“ Den Menschen um uns herum mochte meine kindliche Angst einleuchten. Alle rückten noch enger zusammen. Brandgeruch breitete sich im Keller aus. Niemand sagte etwas. Es wurde wärmer. Mutter meinte später, sie habe in dieser Situation an Berliner denken müssen, die im Galgenhumor vom „Schmoren im eigenen Saft“ redeten. Dann kam die Lampe runter. Ob wir das überlebt hätten? Keine Ahnung, wie lange wir dort gesessen haben. Fünf Männer in dunklen Uniformen wühlten sich plötzlich durch die Masse der am Boden hockenden Menschen. SS-Männer. Auch das noch! Der Rauch war inzwischen dicht und beißend. Menschen fingen an zu schreien. Natürlich weiß ich nicht, ob sich alles genau so abgespielt hat, wie ich es hier in meiner Erinnerung schildere. Eine verdammt realistische Erinnerung. Ich habe bereits an anderer Stelle geschildert, dass jeder Luftschutzkeller, wenn möglich, Notausgänge haben musste. Nur leicht zugemauerte Durchbrüche zu Nachbarhäusern oder nach draußen, die sich leicht einschlagen ließen. Als Fluchtmöglichkeiten. Deshalb gehörten Spitzhacken neben die Durchbruchsmöglichkeiten in den Kellern. Die SS-Männer öffneten einen Notausgang direkt in unserer Nähe. Kaum war die Mauer gefallen, schlugen Flammen von draußen herein, als bögen sie sich von oben hinunter in den Raum. Die Menschen schrieen und wichen entsetzt zurück. Die SS-Männer sprangen durch die Flammen nach draußen. Weg waren sie. Verschwunden. Hatten sie sich gerettet und uns zurückgelassen? Die Flammen wurden heftiger. Plötzlich kamen die SS-Männer zurück. Sie kamen durch die Flammen gesprungen und befahlen allen, nach draußen den Keller zu verlassen. Durch die Flammen. Wir hockten ganz in der Nähe. Niemand folgte. Natürlich nicht. Alle wichen zurück wie vor Gespenstern. Die Männer fackelten nicht lange. Ergriffen die am nächsten Hockenden. Auch uns. Schleuderten uns durch die Flammen nach draußen. Außen eine Treppe hoch. Luft. Oben lagen Leichen. Berge von Leichen. Drüber klettern. Flammen überall. Alle Häuser standen in Flammen. Die Messehallen auch. Können Flammen einen Sog auf Menschen ausüben? Es war wohl ein mehrstöckiges Haus, das aus allen Fenstern flammte. Ich ging - warum weiß ich es noch so genau? – wie in Trance - ein Schock wahrscheinlich - ganz dicht heran an diese Feuersglut. Mutter muss mich zurückgerissen haben. Wir irrten durch den riesigen Park, beizender Rauch, nasse Taschentücher vor der Nase. Kaffee. Mutter hatte eine Thermosflasche bei sich. Brand erfahren aus Berlin. Tücher braucht man im Notfall. Und Wasser. Kaffee tut es auch. Als Rauchfilter, Schutz für Atemwege und Augen. Kostbarster Schatz. Rings um den Großen Garten schien alles zu brennen. Mutter rief uns zu: „Passt auf, dass wir zusammenbleiben. Wir müssen an die Elbe!“ Wo ist die Elbe? Wir waren fremd in Dresden. Und Mutter hatte die achtzigjährige Tante auch noch am Arm. Massen von Menschen irrten durch den Park. Tote lagen überall. Am Rand des Gartens erscheint ein Mann. Hoch aufgerichtet. In langem Mantel. Im Sturmschritt. Scharf konturiert vor dem gelbweißen Licht der Feuersbrunst. Ich wundere mich, wie deutlich mir seine Gestalt heute noch vor Augen ist. „Folgt mir! Kommt an die Elbe!“. Wusste er Bescheid? Ein kleines Haus schien unversehrt. Sekundenentscheidung. Mutter bringt die alte Tante hin. Sie kann dort bleiben – und hat später tatsächlich überlebt. Wo ist der Mann? Wir hinter ihm her. Wieso kam dieser Mann? Dumme Frage. Ich weiß es nicht. Er rannte immer schneller. Die Straße verlegt durch Brände. Zurück. Tote überall. Nächste Straße. Feuersbrunst, zurück. Hin und her. Irgendwie, irgendwann: Elbe. Die Wiesen überfüllt. Alles brennt. Der Mann ist verschwunden. Wir hatten nicht mehr auf ihn geachtet. Elbe hieß Wasser. Orkanartiger Sturm. Feuersturm gehörte zu brennenden Städten durch die aufsteigende Hitze. Er fachte das Feuer an. Wie der Blasebalg in einer Schmiede. Fauchend die Flammen. „Unsere“ Flussseite der Stadt brannte lichterloh. Nur weg auch hier! Nach Loschwitz. Hinüber nach Loschwitz. Es liegt am anderen Elbufer. Wo ist das „Blaue Wunder“? Die Stahlbrücke, die hinüber führt. Wir schlagen uns durch. Die Brücke ist gesperrt. Auch sie ist getroffen. Der Sturm lässt Funken aus der Brücke stoben. „Kettenhunde“ verweigern den Übergang. Kettenhunde sind natürlich keine Hunde. So nannte der Volksmund die deutsche Militärpolizei. Sie hatten ein Metallschild an einer Kette um den Hals. Die gefürchtesten Soldaten der Wehrmacht. Angesetzt gegen Ende des Krieges hauptsächlich gegen Deserteure. Auch diese wurden oft standrechtlich erschossen. Sofort. Auch von Kettenhunden. Kriegsgerichte. Wenn überhaupt. Kurzer Prozess. Kettenhunde arbeiteten schnell. Sehr schnell.

Das „Blaue Wunder“ ist gesperrt! Wegen Explosionsgefahr. Übergang verboten. Unter der Brücke liegen bereits die Sprengladungen. Wenn die Russen näher kommen, soll sie in die Luft gejagt werden. Wie viele andere Brücken auch. Ein Kettenhund erklärt sich plötzlich bereit, uns trotz Funken, Sprengladung und Verbot hinüber zu bringen. Vielleicht war er selbst Familienvater? Die Brücke ist arg mitgenommen. Wir müssen teilweise auf Balken balancieren. Die Straße ist aufgerissen. Der Boden ist weg. Die Elbe gurgelt wie verlangend schwarz unter uns. An den Seiten spiegeln sich die Brände. Die Brücke flog nicht in die Luft. Sie steht noch heute. Wir sind drüben. In Loschwitz brennt die Kirche lichterloh. Die Häuser neben ihr stehen noch. Nur weg auch hier! Ein Stück hinter der Kirche geht eine Straße links den Hang hoch. Irgendwo heult wieder eine Sirene Vollalarm. Wieder das tiefe Fliegergebrumm. Trotz Feuersturm. Ganz deutlich. Die Wellen des zweiten Angriffs fliegen heran. Seitlich an der Straße sind Mauervorsprünge am Berg. Soldaten rufen uns zu. Kommt hierher!. Kaum stehen wir dort, krachen wieder die Bomben. Diesmal noch entfernt, auf der anderen Flussseite. Uns gegenüber öffnet sich die Tür einer Villa. Eine junge Frau ruft: „Kommt rein, wir haben einen bombensicheren Bunker im Haus!“ Wie das? Es stellt sich im Lauf der Nacht heraus: Die junge Frau ist das ausländische Dienstmädchen eines hohen Parteifunktionärs oder SS-Mannes, der bereits – natürlich! - mit seiner Familie vor den anrückenden Russen getürmt ist. Das Mädchen sollte das Haus verteidigen. Eine Ausländerin. Allein! Gegen die Russen. Wir verbringen die Nacht dort, auch noch, nachdem die Bomben-erschütterungen nachgelassen hatten.

Als ich mich 30 Jahre später überwand und zum ersten Mal wieder nach Dresden kam, mit meiner Familie jetzt, zusammen mit meinem Bruder und seiner Frau, Peter uns die Stadt Dresden zeigen möchte, den Zwinger zum Beispiel, will ich, nein, muss ich den Gang dieser Nacht wiederholen. Vom Großen Garten zur Elbe. Natürlich ist es unmöglich, diese Straßen zu finden. Aber hinter dem Blauen Wunder der Rechtsbogen der Straße, links die ausgebrannte Kirche, dann danach links die Straße am Berg hoch, die Mauer mit ihren Vorsprüngen, das Haus mit dem Bunker gegenüber: Wie eingestanzt ist alles in mein Gehirn und sein Erinnerungsvermögen, unheimlich meiner Familie, und auch für mich, hatte ich ihnen doch alles zuvor geschildert, entsetzlich die Erinnerung.

Damals waren wir am Morgen nach dem zweiten Angriff aus der Stadt heraus geflüchtet. Nichts wie zurück nach Görlitz! Das Inferno hinter uns lassen. Wir laufen eine Straße entlang. Sie mündet in eine Chaussee. Ein Militärauto kommt, mühsam und pfeifend angeschlichen, ein Lastwagen mit Holzkohlengenerator, wie die meisten Lastwagen damals, umgebaut und getrieben von Holzgas, das in einem Ofen, befestigt neben dem Führerhaus, erzeugt wurde. Langsam fuhren sie, keuchend, aber sie fuhren. Er nimmt uns tatsächlich noch mit, obwohl die Ladefläche schon voll gepfropft mit Menschen ist. Aber was heißt voll? Wir hängen fast am Rand. Unser Glück. Nicht lange währt diese Fahrt. Dann quietschende Bremsen, ein Schrei des Fahrers: „Runter, Tiefflieger! In den Wald!“ Wir schaffen es noch, weil wir schnell genug herabkamen. Hinter uns, Knall, Bombe, weg. Tot. Alle tot.

Viel später erfuhren wir: Diese drei Angriffe auf Dresden waren ein ganz gezieltes Mordkomplott und folgten als Perfektion einem bereits erprobten Muster: Jeder Angriff hatte sein Spezifikum: In der ersten Welle massenhaft Abwurf von Brandbomben, Phosphorbomben, nur verhältnismäßig wenig Sprengbomben. Der zweite Angriff erfolgte gezielt mit Sprengbomben und Luftminen in die brennenden Häuser, um die Brände flächendeckend auszubreiten, ein wahrhaftiges Inferno zu entfesseln und auch die eventuell noch in den Kellern überlebenden Menschen zu vernichten. Der dritte Angriff am nächsten Morgen war die Stunde der Tiefflieger, die gezielt Menschen jagten. Die ihre Maschinengewehrsalven und Splitterbomben hauptsächlich auf die fliehenden Menschen richteten. Hier in Dresden besonders auf diejenigen, die sich auf die Elbwiesen gerettet hatten.

Massenmord. Sicher keine „Kollateralschäden“. Die jungschen Historiker Anfang 2000 wissen natürlich, wie viele Tote es wohl waren. Gezielter, exzellent geplanter und organisierter Massenmord an Greisen, Frauen, Kindern war das. Vollkommen sinnlos obendrein, weil Deutschland bereits am Boden lag. Diese ersten Angriffe gingen hauptsächlich auf das Konto der Engländer, der dritte auf das der Amerikaner.

Besonders übel nehme ich es den Engländern und ihrer ach so hoch geachteten Queen, dass sie noch heute so stolz auf diesen vieltausendfältigen Massenmord sind, dass sie den Initiator und Organisator, Luftmarshall Harris, von ihrer Queen Elisabeth Jahrzehnte später für seinen Verdienst am Massenmord in den Adelsstand erheben ließen. Das passt ins Bild der Engländer, die später im Kosowo bombten, Flüchtlinge aber ablehnten aufzunehmen. Wie man natürlich auch sehr laut und deutlich sagen muss, dass seinerzeit Engländer und Amerikaner es vielfach abgelehnt hatten, vor den Nazis fliehende Juden aufzunehmen. Obwohl sie wussten, was diese Menschen in Deutschland oder in von den Deutschen besetzten Gebieten erwartete. Auch jetzt wieder waren und sind sie an der Spitze derjenigen, die, statt zunächst mal in Israel für Ordnung zu sorgen, ungeniert zum Krieg gegen den Irak riefen. Toni Blair und George W. Bush haben selbst nie einen Krieg kennen gelernt. Die Engländer hatten immerhin selbst deutsche Bomben besonders in Form der schrecklichen V-Waffen, „Vergeltungswaffen“, erlebt. Die amerikanische Zivilbevölkerung kennt den Krieg nur aus Filmen. Eine winzige Kostprobe haben sie am 11. September 2001 mit der Vernichtung des World Trade Center erlebt. Eine minimale Erfahrung dessen, was Krieg wirklich bedeutet. Und wie geschockt ist dies Volk bis auf den heutigen Tag. Mord an Zivilisten mit ihren Kindern und Jugendlichen? Sind sie für unsere westliche Welt wirklich nur noch Kollateralschäden? Auch Sprache kann grausam sein. Urteilen, verurteilen? Israel und der Terror von beiden Seiten. Wer traut sich schon bei uns auf Grund unserer eigenen entsetzlichen Geschichte der Massenmorde, die unendlichen Verbrechen wirklich anzusprechen, die von verschiedenen Seiten verübt wurden und werden?

Es fällt schwer, seinen Aggressionen nicht freien Lauf zu lassen! Wenn ich an Dresden und die Toten des Militärlastwagens denke. Wieder sind wir davongekommen. Zufälle? Gibt es Zufälle? Warum ich? Oder auch „Ich nicht?“ Getötet, erschlagen, verbrannt, gerettet? Das Hotel, die Lampe im Keller, die SS-Leute, der Mann, der uns aus dem Inferno führte, der Kettenhund, das Dienstmädchen, der rechtzeitige Schrei des Fahrers? Schließlich der Offizierswagen, der mich danach aufnahm und nach Görlitz zurück brachte? Mutter und meine Schwester kamen irgendwie nach. Ich weiß nicht, wie.

Sind Fragen kitschig? Oder salbadrig? Berührt es peinlich, wenn sie gestellt werden? Weil man sie interpretieren könnte? Müsste? Lernen wir aus den Erfahrungen des eigenen Lebens? Nur nicht nachdenken? Auch ein Dresden darf nicht vergessen werden! In dieser Nacht des Grauens hatte das Licht wieder und wieder geschienen. Erkannt wurde es erst Jahre später. Uns hatte es geschienen. Anderen nicht? Kann das Licht zur schweren Last werden? Gottes Wege sind unerforschlich. Gewiß. Und trotzdem… Glauben und Vertrauen haben die gleiche Wurzel. Endet unser Leben mit dem Tod? Bitte keine billigen Antworten.

Rückblick. Das Licht in der Finsternis. Es lässt einen nicht mehr los. Und löst Fragen aus. Auch wenn man es erst spät erkennt: Der alte Mann mit dem Käppi vor der Synagoge in Görlitz. „Da fragt mal Eure Eltern!“ Der Mann in der Feuersbrunst von Dresden. „Folgt mir nach!“ Die Bibel lässt grüßen…

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Dr. med. Christoph Hilsberg
Autor: Dr. med. Christoph Hilsberg

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