Trotzdem hat es bis zur französischen Revolution, dem unumkehrbaren Manifest der Trennung von Staat und Kirche noch 150 Jahre gebraucht. An mancher "Teufelsaustreibung" hadern wir heute noch herum.
Vor diesem Hintergrund ist es beschämend, wie viele Kommentatoren, bis hin zu Heribert Prantl (SZ vom 05.12.2015, Seite 4, "Das dritte Wunder", stellvertretend für hunderte richtungsgleiche Besänftigungsversuche anderer Autoren) immer wieder die Ängste der Menschen vor dem Islam klein reden.
Da werden die Integration von Millionen Türken, Polen, Italiener, Spanier und Griechen herangezogen und mancher entblödet sich nicht, gar die Millionen integrierter Kriegsflüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg zum Beweis zu benutzen.
All diese "Invasionen" hatten ihre Ängste, die wir im Zuge des allgemeinen Wunsches nach der Hingabe unserer nationalen Identität gegen eine europäische zu beherrschen lernten. Selbst die Türken waren, wenn auch unter schwierigeren Bedingungen als alle anderen, integrierbar, hatten sie doch zwar keinen dreißigjährigen Krieg, aber immerhin dreißig Jahre Kemal Atatürk hinter sich. Alle Ängste den Türken gegenüber sind aber noch längst nicht ausgeräumt: vor allem die Stellung der türkischen Frau, die Zwangsehen, Kopftücher und Fememorde verhindern hartnäckig den Abschluss der Integration der Türken. Dazu kommt eine Art Renaissance des Islamismus in der Türkei, die auch die hier integrierten Türken erreicht und zurückwirft.
Statt also die Probleme der Türken, die doch in ihrer überwiegenden Zahl inzwischen aufgeklärt agieren, mit unserem Rechts- und Wertesystem als Maßstab zu nehmen, um das was uns da mit Millionen "unaufgeklärter" Moslems bevorsteht zu ermessen, werden die Probleme kleingeredet, gar verschwiegen.
Das aber fördert die Ängste und behindert jede Integration.
Denn Angst kann nur durch schonungslose Benennung ihrer Ursachen und intellektuellen Werteausgleich gelindert werden.
Oder eben durch dreißig Jahre Krieg: bis die Angst vor dem Krieg so übermächtig geworden ist, dass die Angst vor dem fremden Glauben und den Fremden keine Rolle mehr spielt.
Michael Maresch
